Sigismund von Radecki

Autor, Übersetzer

(* 1891 in Riga, Lettland | † 1970 in Gladbeck, Deutschland)

„Radecki war einer der wenigen (und letzten) großen Feuilletonisten deutscher Sprache“ (Die Furche)

Radecki wuchs zweisprachig (russisch / deutsch) in Riga auf, 1900 zog die Familie nach St. Petersburg. Er studierte Mathematik, 1913 schloss er die Prüfung zum Diplom-Ingenieur ab. 1919/20 wurde er – nach Stationen in Sachsen und Dortmund, in der Ukraine und in Kasachstan (Turkestan) – Berechnungsingenieur bei den Siemens-Schuckert-Werken in Berlin.

Nach dem Tod seines Vaters im Herbst 1921 versuchte er als Schriftsteller, Rezitator und Zeichner seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er schrieb Glossen, kurze Erzählungen, Kritiken und Texte fürs Kabarett und fand Kontakt zu Schriftstseller:innen wie Else Lasker-Schüler, Mechtilde Lichnowsky und Karl Kraus. Er arbeitete zeitweilig als Schauspieler an der Volksbühne und am Theater am Schiffbauerdamm und begann mit ersten Übersetzungen aus dem Russischen und später auch aus dem Englischen.

1924 zog er nach Wien und intensivierte seine Freundschaft zu seinem großen Vorbild Karl Kraus. 1926 zog er wieder zurück nach Berlin, drei Jahre später erschien sein erstes Buch mit Skizzen und kleinen Geschichten. 1941 wurde er als Russischdolmetscher eingezogen, kurz darauf aber als untauglich aus der Armee entlassen. Er lebte nun in München und stand – als konvertierter Katholik – in Kontakt mit der Widerstandsbewegung Weiße Rose. Die drei letzten Kriegsjahre verbrachte er abgeschieden auf Usedom.

1945 floh er vor den Bombardierungen nach Hamburg und zog sich eine Verletzung zu, die ihn monatelang ans Bett fesselte. 1946 wechselte er auf Einladung seines Verlegers Peter Schifferli seinen Wohnsitz nach Zürich, wo er die nächsten Jahrzehnte lebte.

2014 erschien posthum im Wallstein-Verlag eine Auswahl an Feuilleton-Artikeln Radeckis, 2021 ein Lesebuch im Aisthesis-Verlag. Von 1960 bis heute bildet seine Übersetzung von Tschechows „Drei Schwestern“ die Grundlage der Reclam-Ausgaben.
Foto: © Thomas Sessler Verlag