Morbus Facebook

Stefan Vögel

Alle chatten, twittern, unterhalten sich pausenlos über Facebook, doch wird das nicht irgendwann zu viel? Eine irre Komödie über die Auswüchse des digitalen Zeitalters in einem bislang stinknormalen Spießerleben: Eduard hat's voll erwischt. Er bringt keinen normalen Satz mehr heraus, sein Sprachniveau ist auf den tiefsten Chat-Slang gesunken. Er bestellt online Esoteriker und eine spärlich bekleidete Gespielin ins Haus. Seine Frau ruft ärztliche Hilfe, doch Eduards Krankheitsbild ist fortgeschritten. Und dann klopfen 667 Facebook-Freunde an die Tür …
ausführliche Beschreibung
Angelikas Mann hat‘s voll erwischt. Eduard ist internetsüchtig. Ein normales Leben mit Frau, Kind und alltäglichem Umgang ist seit Twitter und Facebook Vergangenheit. Tag und Nacht hockt er vor dem Computer und chattet durchs Netz. Wenn er nicht gerade seitenlange Wikipedia- Passagen zitiert, ist sein Wortschatz auf den primitivsten Chat-Slang reduziert. Er „lolt“ und „giggelt“, dass es der gebeutelten Gattin die Sprache verschlägt. In ihrer Not sucht Angelika ärztliche Hilfe. Dr. Kleebroth wittert beim Anblick dieses fortgeschrittenen Krankheitsbildes die große Chance, sich in der Medizin zu profilieren. Kein Zweifel: Hier handelt es sich um einen linguistischen „Meltdown“. „Morbus Kleebroth“ soll Eduards Leiden heißen und sich durch folgende Symptome definieren: Die Veränderung der Sprache, die Unfähigkeit, sinnverbundene Gedanken zu führen, das Bedürfnis, jedes noch so triviale Tun seiner Umwelt mitzuteilen, die Übertragung sämtlicher digitaler Kommunikationsformen in die reale Welt, verbunden mit dem Fall jeglicher Schamgrenzen. All das trifft auf Eduard, der bislang ein stinknormales Spießerleben geführt hat, punktgenau zu und zeigt sich in den irrwitzigsten Auswüchsen.

Er bestellt den Esoteriker Gappmeier ins Haus, der zwecks energetischer Auslotung eine riesige Pyramide im Wohnzimmer aufbaut. Die Strahlen zeigen allerdings nur bei Angelikas verwitweter Mutter Wirkung, die beim Anblick Gappmeiers zu neuem Leben erwacht und mit ihm in der Pyramide verschwindet. Die nächste Bestellung Eduards, die zwecks sexueller Auslotung vom Wohnzimmer direkt ins Schlafzimmer spaziert, ist die spärlich bekleidete Ruby. Sie ist ungeachtet Angelikas Anwesenheit für alle erotischen Dienste zu haben und will Geld dafür. Diese klare Weltanschauung weckt wiederum Angelikas introvertierten Sohn, der Rubys Herz erkennt und seines an sie verliert, aus der Reserve. Mike setzt sich in den Kopf, Ruby zu bekehren und ist sogar bereit, es mit ihrem hünenhaften Freund Rocky aufzunehmen. Der steht schon drohend vor dem Haus. Und er ist nicht der einzige, der die Wohnung stürmen will, denn Eduard hat seine 667 Facebook-Freunde eingeladen. Als Angelika in Ohnmacht fällt, wendet sich das Blatt. Eduard leidet gar nicht an Morbus Kleebroth. Behauptet er und spricht plötzlich ganz normal. Aber was hat er dann, und wozu das ganze Theater?

Stefan Vögel nimmt die gegenwärtige Vereinnahmung des Internets und die Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen amüsant aufs Korn und treibt den Wahnsinn im klamaukigen Spiel auf die Spitze. Die virtuelle Welt bemächtigt sich hemmungslos der realen und stellt ein bislang friedliches Leben komplett auf den Kopf. Fragt sich nur, ob die schamlose Übertreibung der Komödie der Wahrheit nicht erschreckend nahe kommt?
3D 4H
Komödie, Schauspiel
UA: 08.04.2014, Freie Bühne Wieden, Wien