Süßer die Glocken

Stefan Vögel

„Alle Väter glauben, ihre Töchter hätten was besseres kriegen können.“
Leise rieselt der Schnee. Nein, der weiße Zauber bleibt just in diesem Jahr aus. Dabei hat Großvater Jacob sein Vermögen darauf verwettet, um seiner Ida endlich eine Kreuzfahrt zu schenken. Statt Besinnlichkeit gibt`s arge Turbulenzen unter dem Weihnachtsbaum. Pikante Geheimnisse aus Jacobs Vergangenheit lassen das Lametta ordentlich knistern, Onkel Eugenist besoffen, Tochter Edith lässt einen Ehekrach los und Enkelin Christina kündigt Nachwuchs an. Gibt's nach dem weihnachtlichen Familienchaos doch noch Idas ersehnten Weihnachtsfrieden?
ausführliche Beschreibung
Familientreffen bei Jacob und Ida unter dem geschmückten Weihnachtsbaum: verschneite Landschaft, das Feuer flackert im Kamin, die Kerzen brennen, und wenn die Kinder samt Enkeln friedlich um den Tisch versammelt sind, läutet das Glöckchen und Oma Ida kommt mit dem herrlich gebratenen Hirschen, von Jacob eigenhändig erlegt, in die warme Stube.

Das klingt alles sehr idyllisch, wäre Jacob nicht ein alter Grantler, der mit Idas glitzerndem Lamettakitsch nichts am Hut hat. Obwohl sich unter der harten Schale natürlich ein weiches Herz verbirgt. Und das schlägt besonders für Tochter Edith, die natürlich einen besseren Mann als den Sockenverkäufer Herbert verdient hätte. Der erhoffte Schnee bleibt gerade dieses Jahr aus, wo Jacob mit Idas Bruder Eugen seine Ersparnisse waghalsig in Optionen für die Seilbahn-AG verwettet hat. Nur auf Enkel Sebastians jährliche Sprengstoffattacken auf den alten Opa, der immerhin die russische Kriegsgefangenschaft überlebt hat, ist Verlass. Und dass Onkel Eugen seine Weihnachtsdepression in Alkohol ertränkt, ist ebenso sicher wie die obligaten Sticheleien Jacobs gegen seinen sichtlich gestressten Schwiegersohn Herbert.

Edith vermutet hinter Herberts eigenhaltigem Verhalten eine andere Frau, und als Trudi auftaucht, Freundin der Familie und unehelicher Spross von Jacobs und Eugens gemeinsamer verflossener Jugendliebe Olivia, knistert es schon heftig. Mit ungebrochenem Optimismus versucht Ida, die Wogen zu glätten, doch der Heilige Abend birgt noch pikante Überraschungen. Statt des ersehnten Schnees schneit Enkelin Christinas italienischer Freund Andrea herein. Der glatzköpfige, verarmte sizilianische Jung-Graf, reich an Piercings und Tatoos, erklärt seine Liebe zu Christina und bekennt sich zum bald erwarteten Nachwuchs. Edith stellt ihren komplett überforderten Ehemann zur Rede. Als sie erfährt, dass Herbert seine Arbeit verloren hat und hinter den heimlichen Telefonaten bloß eine Jobvermittlerin steckt, platzt ihr der Kragen. Sie wirft ihm mangelndes Vertrauen vor und macht ihrem aufgestauten Ehefrust vor versammelter Familie so lautstark Luft, dass Ida der Geduldsfaden reißt und sie in die stille Nacht brüllt.

Mit einer Predigt, die sich gewaschen hat, tritt sie eine Lawine los und stolpert über die doch nicht so früh beendeten Verhältnisse von Jacob mit Eugens großer Liebe, Trudis Mutter. Statt des Hirschen kommen Jacobs vergangene Seitensprünge aufs Tablett. Trudi und Edith, die immer schon wie Schwestern waren, erfahren, dass sie es wirklich sind. Doch es geschehen doch noch Weihnachtswunder. Ida wäre nicht die lebensbejahende Frau, wenn sie nicht Amnestie walten ließe. Und siehe da, mit dem Weihnachtsfrieden kommt auch der Schnee und mit ihm der Geldsegen. Jacob kann seiner Ida endlich die Kreuzfahrt, die sie sich nie leisten konnten, als Geschenk präsentieren.

Stefan Vögel hat der Theaterwelt eine hinreißende Weihnachtskomödie beschert. Dunkle Familiengeheimnisse werden aus dem Geschenkpapier gewickelt und zaubern trotz vieler Turbulenzen doch noch wahre Besinnlichkeit unter den Lametta- Baum. Unsentimental, aber umso berührender mündet das weihnachtliche Familienchaos in Frieden und Versöhnung und lässt die Glocken wieder süßer klingen. Die Kinderlein kommen, und die Pointen rieseln gar nicht so leise vom Himmel.
4D 5H
Komödie, Schauspiel
UA: 12.12.2003, Komödie am Kurfürstendamm