Ein Morgen gibt es nicht

(Demain n‘existe pas)

Julien Green

Julien Green entwirft in diesem 1950 begonnenen und 1979 vollendeten Drama das Gemälde einer Gesellschaft, die schon tot ist, bevor sie durch das Erdbeben begraben wird. Der süditalienische Verwandtschaftszweig einer sterbenden Dynastie, entsprungen aus Tschechows Familienalbum. Über der Familie lastet eine latente Bedrohung, die jeder auf seine Weise spürt. In einer Atmosphäre von Gleichgültigkeit und geheimer Angst, von Unentrinnbarkeit und achtlosem Zeitvertreib liegt die Ahnung um die Katastrophe in der Luft, ohne mit deren Eintreten zu rechnen. Mehr und mehr entpuppt sich die Borniertheit und Arroganz dieser untergehenden Klasse als Ausdruck der eigenen inneren Leere. Man flüchtet sich in Geiz und sexuelle Leidenschaft vor einer Welt, die man nicht benennen kann.
ausführliche Beschreibung
Im Palazzo der verarmten Patrizierfamilie Lucchesi hat sich kurz vor Silvester das Typenpersonal des europäischen Fin de siècle versammelt: die einst vermögende Witwe Lucchesi, die ihr Haus an Touristen vermieten muss; die entnervte Tochter Lina, die mit dem Arzt und Lebemann Marco nach Neapel aufbrechen will, um ihrer dekadenten Sippe zu entgehen; der taubstumme Stefano, unehelicher Sohn der Witwe Lucchesi, der sich als einziger um den dahinsiechenden Gatten Linas kümmert und die Katastrophe mit der feinen Witterung des Verschlossenen erspürt; der Voyeur Ottavio, der Bruder der Signora; ihr Schwager, der Geizhals Barbieri; das überspannte Nesthäkchen Celestina mit ihrem langweiligen Verlobten Adolfo; der Zyniker Guido, der homosexuelle Fotograf Fiordelmondo und ein junges Liebespaar aus Mailand, das ein Zimmer mit Meerblick mietet, um in der schönen Kulisse der
Landschaft Selbstmord zu begehen.
4D 10H
Schauspiel
Übersetzung aus dem Französischen:
Irene Kuhn