Franzobels Historiendrama über die Hinrichtung der Hebamme Anna Viehmann im Jahr 1665.
Eine "Unschuldige ist tot, verraten durch die Dummheit der Gesellschaft, einer Gesellschaft, zu der auch ich gehöre. Wir alle."
Als in Lipperts ein Brand ausbricht, wird Anna Viehmann als Hexe angeprangert. Anna ist anders als die anderen, sie muss mit dem Teufel im Bunde stehen. Der Stadtvogt und der Pfarrer forcieren die Verfolgung. Anna wird verhaftet, gefoltert und geköpft. Franzobel entlarvt die kriminelle Rolle der Kirche rund um Aberglauben und Hexenwahn. Anna Viehmann war die letzte im Raum Hof als Hexe hingerichtete Frau. Die Kirche hat sich für diese Machenschaften offiziell entschuldigt. Ein sinnloser Tod einer Unschuldigen, mitgetragen von einer unaufgeklärten Bevölkerung. Damals wie heute stellt sich die Frage: Wo beginnt Ausgrenzung, Schuldzuweisung und Mittäterschaft?
ausführliche Beschreibung
Die Hebamme Anna Viehmann ist anders als die anderen. Sie spricht mit Blumen und streichelt Steine. Ihr Mann und ihr Sohn sind durch ein Wettrennen zweier Vettern des Markgrafen auf dem Wochenmarkt zu Tode kommen. Der Gang ihrer Schwiegermutter Url zum Markgrafen mit
der Forderung nach Bestrafung der Schuldigen stößt auf Hohn. Auch eine Rente wird den Frauen verweigert. Anna hilft zusätzlich im Ortsgasthof aus. Als in Lipperts ein verheerender Brand wütet, suchen die Einwohner einen Schuldigen. Hier muss der Teufel sein Unwesen treiben. Und da es keine Juden mehr im Ort gibt, kann nur eine Hexe ihre Hand im Spiel haben. Wer, wenn nicht Anna Viehmann, die das Haus ausräuchert, im Winter schwimmen geht und mit Tieren redet, ist verdächtig! Außerdem soll sie ja Kinder abtreiben und Blut in die Suppe rühren. Schon bald hängt eine Hexenpuppe vor Annas Haus. Doch Anna ignoriert die Warnungen. Sie kann und will nicht aus ihrer Haut.
Franzobel entwirft ein breites Figurenpanoptikum: Der kriegslüsterne Markgraf von Brandenburg und Bayreuth, der mit seiner depressiven Frau das Volk auf den einen Stammhalter warten lässt, der ehrgeizige Büttel des Henkers, der sein Handwerk akribisch ausübt, die Leichenfledderer Wampe und Stänglein, die dem Arzt und Humanisten Sixtus Feuerbach mit Toten für anatomische Forschungen versorgen, der Hochstapler MacGregor, der den verarmten Bauern ihre Höfe abluchst, um sie dann als Söldner auszubeuten, die ortsbekannten Prostituierten Gundi und Trudi, die alle Seiten der Dorfbewohner kennen, Koriander, der Narr, dessen Wahrheiten nicht gehört werden, der zynische Stadtvogt Zencker, der trotz seiner ablehnenden Haltung gegenüber Aberglauben und Spuk auf einen spektakulären Hexenprozess zur Machtdemostration des Markgrafen drängt, der intrigante Pfarrer, der als treibender Motor seitens der Kirche hinter Annas Verfolgung agiert, und Annas Nachbarin Keplinger, die sich vom allgemeinen Mob nicht beeinflussen lässt und Annas Unbescholtenheit vehement verteidigt. Anna wird verfolgt, verhaftet, gefoltert und geköpft. Sie ist die letzte im Landkreis Hof als Hexe hingerichtete Frau. Die Kirche hat sich für ihre Machenschaften offiziell entschuldigt.
Franzobel legt in seinem Historiendrama rund um den Hexenprozess von Lipperts im Jahr 1665 den Fokus scharf auf die Rolle der Kirche. Bei aller politischer und klerikaler Übermacht geht es aber auch um Zivilcourage und die Entscheidung jedes einzelnen Individuums für oder gegen Mittäterschaft. Hier gibt Franzobel den Frauen eine starke Stimme. Die Frage, ob die Mechanismen von Ausgrenzung und Schuldzuweisungen im 21.Jahrhundert andere sind als im Mittelalter, ist Franzobels aktueller Denkanstoß.