Eine bizarre und höchst aktuelle Komödie der Wut
Wutbürger/innen! Leute, denen das Geimpfte aufgeht. Eine Erscheinung der Neuzeit? Bereits vor über einem halben Jahrhundert hat Heimito von Doderer dieser Spezies in Die Merowinger ein großartiges Denkmal gesetzt. Sein Choleriker Childerich III., gleichnamig mit dem letzten Merowingerkönig, gelangt durch ein ausgeklügeltes System von Heiraten und Adoptionen zu Macht. Er schafft die totale Familie, ist unter anderem sein eigener Vater, Großvater, Onkel, Cousin. Daneben wird in dem Roman eben unglaublich viel gewütet, geprügelt, geschlagen, getreten – teils aus Rache, teils aus purer Lust. Mit Die Merowinger hat sich Doderer einen großen Jux erlaubt. Einen Jux, der eigentlich gnadenloser Ernst ist und die Attraktion des totalitären Faschismus offenlegt.
ausführliche Beschreibung
Freiherr Childerich III. von Bartenbruch, ein fiktiver Nachfahre des fränkischen Adelsgeschlechts, hat Großes vor. Durch ein raffiniertes Konstrukt von Hochzeiten und Adoptionen möchte er sein eigener Vater, Großvater, Schwiegervater und Schwiegersohn werden. Er plant die totale Familie vereint in seiner Person. „La famille, c'est moi". Scheitern wird er an der ungeliebten Verwandtschaft, die sich das Erbe nicht vorenthalten lassen möchte und an seinem getreuen Haushofmeister, der die Intrige schon längst geplant hat.
Die zentrale Figur neben Childerich ist Dr. Horn. Der Psychiater ist weltweit als Wutspezialist bekannt. Er setzt bei seinen Behandlungen auf skurrile Instrumente und Methoden, wie Nasenzangen und Wutmärsche. Horn steht dabei in enger Verbindung mit der Firma „Hulesch und Quenzel“ in London. „Hulesch und Quenzel“ hat sich darauf spezialisiert, die Leute in die Raserei zu treiben. Durch Einmischung in den Alltag werden Wutanfälle provoziert, die dann wiederum von Dr. Horn therapiert werden. Bei Franzobel gehen die Machenschaften von „Hulesch und Quenzel“ aber noch weit darüber hinaus. Aufträge für einflussreiche Menschen aus der ganzen Welt. Aufträge, die das Machtgefüge der Welt verändern. Die Öffentlichkeit darf nichts erfahren. Wenn die Firma tätig ist, wird nur das Ergebnis öffentlich: plötzliche unerklärliche Führungswechsel in globalen Unternehmen, unvorhergesehene Wahlausgänge, Infragestellung alter Legitimität, Umstürze, Klimawandel, Hungersnöte, kleine und große Katastrophen …
Doderer hat sich selbst in der Figur des Dr. Döblinger verewigt. Einer Schriftstellerfigur, der vor allem an der physiognomischen Gerechtigkeit gelegen ist. Seine Schlägertruppe lässt er scheinbar wahllos Menschen „plombieren“, sprich verprügeln. In diese bereits im Roman autobiografisch angelegte Figur lässt Franzobel geschickt auch Doderers Verstrickung mit dem Nationalsozialismus miteinfließen.
Franzobel ist es in seiner Bühnenfassung gelungen, das groteske Spätwerk Doderers ins Heute zu holen. Der skurrile Figurenreigen mit seinen „Wutbürgern“ und verbalen sowie körperlichen Gewaltexzessen wird zum Spiegel unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Doderers sarkastischer Sprachwitz und Franzobels manchmal auch brachiale Spitzzüngigkeit gehen eine gelungene
Verbindung ein