Die Frage nach der Schuld in einem auf Kunst und Selbst- darstellung fixierten Leben
"Ich bin eine Diva. Eine Frau aus früheren Tagen."
Franzobel lässt die legendäre Zarah Leander wiederauferstehen, im wahrsten Sinne: Lazarus Modriach begegnet ihr im Jahr 2014 in einem Park. Er macht sich auf die Reise ins vergangene Jahrhundert und begegnet der Diva bei seiner Spurensuche lange vor seiner eigenen Geburt. Wer war sie? Eine unwissende Sängerin, die nur von der Liebe gesungen hat? Ein Abbild des Nazi-Regimes? Eine beinharte Karrieristin?
ausführliche Beschreibung
Lazarus Modriach, ein leicht verwirrter Boandlkramer, macht n einem Park die Bekanntschaft der legendären Zarah Leander. Doch Moment - die ist doch längst tot, gestorben im Jahr 1981 in Stockholm, und Lazarus meint, im Jahr 2014 zu leben. Nein, es ist tatsächlich Zarah Leander, die unvergessliche Diva mit der rauchigen Stimme, um die sich Legenden ranken. Nazi-Geliebte, Sowjetspionin oder nur die unwissende Sängerin, die mit sinnlichem Timbre von der Liebe gesungen und Millionen Menschen glücklich gemacht hat? Oder beinharte Karrieristin?
Reichsgemütssirene nannte man die 1907 geborene Schwedin aus Karlstad, die nach ihrem Durchbruch als Sängerin in der Heimat zu einem der größten Filmstars des Dritten Reichs avancierte. Durchhaltesängerin, weil sie Hitlerdeutschland nicht - wie ihre berühmte Kollegin Marlene Dietrich - den Rücken gekehrt hat. Höchstbezahlter UFA-Star, von den Nazis verehrt, von Goebbels mehr als hofiert. Ein Abbild des Regimes, ein Kultobjekt der Propaganda.
Wer oder was war sie wirklich? Die betagte Zarah im Park behauptet, verfolgt zu werden. Ihr Mann Nils und dessen Schwester Bertha wollen sie in eine Anstalt sperren. Lazarus macht sich auf die Suche nach Nils, der eigentlich ihr Exmann ist, und längst tot. Plötzlich findet sich Lazarus in Schweden, im Jahr 1929, lange vor seiner Geburt im Jahr 1974. Eigentlich hat er mit der alten Diva gar nichts am Hut. Ist er in einen Zarah Leander-Traum geraten?
Sara Stina Hedberg, die zweifache junge Mutter will ein Star werden. Alle lachen sie aus und prophezeien ihre eine Zukunft als Klofrau. Doch aus Sara wird Zarah.1936 trifft Lazarus sie in Wien wieder. Die Welt liegt ihr zu Füßen. Vergöttert und bewundert verharmlost sie, was sich um ihr egomanisches Künstlerleben herum anbahnt. Dabei hilft sie durch ihre Protektion bei Goebbels bedrohten Menschen und baut sich eine gar nicht nazigetreue Gegenwelt. Der Lazarus der Gegenwart warnt mit dem Wissen der Geschichte vor der Zukunft. Einmarsch, Verfolgung, Judenvernichtung, Krieg, Zerstörung. Doch alle sind misstrauisch, keiner glaubt ihm. Nach dem Krieg wird Zarah weltweit verachtet. Nie hat sie etwas bedauert oder sich öffentlich entschuldigt. Zurückgezogen lebt sie auf ihrem Gut in Schweden, seit sechs Jahren stand sie auf keiner Bühne. Lazarus stattet Zarah einen Besuch ab. Auch Marlene und Heinz Rühmann gesellen sich dazu. Lazarus outet sich als wandelndes Gewissen und macht ihr ein verlockendes Angebot für ein come-back. Alles was sie tun muss, ist ihn zu ertragen. Kann sie das? 1977 sitzt eine vom Alkohol gezeichnete Zarah in ihrer Garderobe und kämpft mit der Angst. Vorhang auf! Applaus für die einzigartige, die göttliche, die ewig junge Zarah Leander!
Franzobel steuert klar gegen eine getreue Erzählung der Leander-Biografie. Die Darstellung einer Legende, die unwissend vom Kriegsgrauen nur von der Liebe gesungen haben will, ist Franzobels politischem und in der Gegenwart verhaftetem Denken und Sein zu wenig. Mit der Figur des Lazarus schickt er einen Zeitreisenden ins Stück, der sich als personifiziertes Gewissen mit Zarah Leander quer durch die Jahrzehnte auseinandersetzt. Der Namensvetter des biblisch Auferweckten begegnet einer Zarah Leander, die längst tot ist und begibt sich auf die Spurensuche in eine Zeit vor seiner eigenen Geburt. So löst Franzobel die Ikone Leander aus dem Bild und spielt mit Gegenwart und Vergangenheit. Gleichzeitig entfernt er sich aus der bequemen Position, einen Mythos nur aus seiner Zeit zu (v)erklären und
korrigiert das kollektive Gedächtnis.