Der ganz normale Wahnsinn einer Amateurtheater-Gruppe
„Wir sind SO froh, dass wir endlich geschieden sind!“
Christian ist frisch geschieden von Susanne, Susanne ist frisch geschieden von Christian. Beide sind Mitglieder einer Theatertruppe, die kurz vor der Aufführung steht. Und NATÜRLICH beeinflusst ihre Scheidung nicht ihr Verhalten auf der Bühne. Auch nicht das von Beate, Susannes Mutter. Oder das von Valerie, Christians Affäre. Oder das von Arthur, Susannes Möchtegernliebhaber. Richard, der Regisseur, versucht vergebens zu retten, was zu retten ist, doch die Premiere rückt näher. Katrin Wiegand nimmt den ganz normalen Wahnsinn einer Laienspieltruppe auf die Schaufel. Die betont Professionellen jubeln ihre persönlichen Befindlichkeiten schamlos den Theaterfiguren unter. Vom Stück bleibt nicht viel übrig. Aber vielleicht ist das ja schon wieder Kunst?
ausführliche Beschreibung
Christian und Susanne sind frisch geschieden. Beide sind Mitglieder einer Theatergruppe, die mitten in den Proben für eine französische Komödie steckt. NATÜRLICH hat ihre Trennung ÜBERHAUPT nichts mit der Arbeit auf der Bühne zu tun, sind sie doch SO professionell und stehen da vollkommen darüber. Da können sie Regisseur Richard beruhigen. Und außerdem sind sie ja glücklich geschieden und verstehen einander besser als je zuvor. Auch auf das Verhalten von Beate, Susannes Mutter im Leben wie im Stück, hat die Scheidung der Tochter und des Ex-Schwiegersohnes, zu dem sie ein hervorragendes Verhältnis hat, ÜBERHAUPT keinen Einfluss. Auch Valerie, Christians Affäre im Leben wie im Stück, beeinflusst das in KEINSTER Weise. Und schon GAR nicht Arthur, Susannes Verehrer, der eigentlich sich selbst am meisten liebt und bewundert. Alles bestens! Kein Problem!
NATÜRLICH stimmt das alles nicht. Die demonstrierte Harmonie beginnt bald zu bröckeln, und die Situation gerät aus den Fugen. Regisseur Richard und die Souffleuse Annette spüren da kleine unterschwellige Aggressionen, die von der Bühne herab wehen. Anfangs sind es nur harmlose Bemerkungen am Rande, und Richard ruft zu Disziplin. Aber seine Autorität schwindet von Tag zu Tag. Vor allem, wenn Beate, Mutter und Ex-Schwiegermutter, bestimmten Textpassagen eine besonders spitze Betonung verleiht. Doch wenn es nur bei der Betonung bliebe! Nein, da sprechen die Figuren plötzlich ganz andere Sätze als sie im Textbuch stehen. Und was für Sätze! Die Premiere rückt näher. Richard ist um Schadensbekämpfung bemüht.
ABGESEHEN davon, dass ein Darsteller durch permanente Abwesenheit glänzt und Ingo, der Techniker, der ohnehin dauernd seine Toneinsätze verpasst, für ihn einspringen muss - dass Arthur ständig über einen anderen Titel diskutieren will - dass sich Valerie penetrant in ihre tränenreiche Darstellung hineinsteigert - dass Beates Betonungen zu eigenmächtigen Textkreationen mutieren - dass Annette mit ihren ins Ohr geflüsterten Vermutungen sein geplagtes Nervenkostüm überstrapaziert, weiß Richard wirklich nicht mehr, wie er diese Horde bändigen soll. Dass die Generalprobe schlecht sein muss, damit die Premiere erfolgreich wird, ist zwar ein altes Theatergesetz, aber ein schwacher Trost. Eine Eskalation Ordinäre! Diese „Dilettanten“ können das Theater nicht mehr von der Wirklichkeit trennen! Aber sind diese prallen privaten Konflikte auf der Bühne nicht das pure Leben selbst?
Katrin Wiegand nimmt den ganz normalen Wahnsinn einer Amateurgruppe auf die Schaufel. Die betont Professionellen sind NATÜRLICH nicht ganz so toll wie sie glauben und jubeln ihre persönlichen Befindlichkeiten schamlos den Figuren, die sie spielen sollen, unter. Von dem Stück, das die Truppe anfangs so ernsthaft geprobt hat, bleibt nicht mehr viel übrig. Das Ergebnis ist eine furiose Textcollage, in der die Theaterrollen von ihren Interpreten zur Ausschlachtung ihrer eigenen Streitereien missbraucht werden. Worum es da geht, versteht keiner mehr. Aber vielleicht ist das ja schon wieder Kunst? VORHANG AUF!