Merzedes stirbt

Franzobel

Die Befindlichkeit einer konsumorientierten Warenwelt, in der zwischenmenschliche Beziehungen nach ihrem Marktwert bemessen werden.
Ein Einkaufszentrum veranstaltet ein Eliminations-Spiel. Wer sich am längsten an einem noch verhüllten Auto festhalten kann, erhält das begehrte Fahrzeug als Siegespreis. Das skurrile Spektakel wird pausenlos von einer Kamera bewacht. Nach 37 Wochen befindet sich der Festhalte-Marathon in der Endphase. Vier tapfere Teilnehmer sind übrig geblieben und befinden sich jenseits aller Zurechnungsfähigkeit: Sancho, ein Ex-Sportler mit steifem Bein, der seit seinem Unfall nur stotternde Motorengeräusche von sich gibt, Vinzent, ein verkrüppelter Lustmolch, dessen Begierde sich auf die Schauspielschülerin Sandra richtet, die ständig Schillers Johanna rezitiert, und Peppo, ein pensionierter Generaldirektor, Antisemit und Gourmet in einer Person. Die Versuche der besessenen Festhalter, in Beziehung zueinander zu kommen, münden wiederholt in offene sexuelle Aggressivität. Die wegen Stromausfalls immer wieder einsetzende Dunkelheit nutzt man mitunter zum Quicky, während sich das Lustgestöhne bei Licht als harmloser Verbalsex entpuppt. Der anfängliche Medienrummel ist vorbei, das öffentliche Interesse vollkommen erlahmt. Den einzigen Kontakt zur Außenwelt hält das Quartett über die geheimnisvolle Putzfrau Merzedes. Sie sorgt für Verpflegung und Kotkontrolle. Als die Vier den Aufstand wagen, wird sie zum Opfer. Mit einem Trick gelingt es den Autoumklammerern, die Überwachungskamera auszuschalten und in Merzedes` Abwesenheit die Umgebung zu erkunden. Was passierte in der Außenwelt? Warum haben die Medien das Interesse verloren? Kann sich die Welt in 9 Monaten nicht radikal verändert haben?
2D 5H
Schauspiel
UA: 30.09.2000, Staatstheater Stuttgart