Josef und Maria

Peter Turrini

Eine berührende Weihnachtsgeschichte über Würde, Einsamkeit und die Sehnsucht nach echter Wertschätzung
„Was bleibt denn von einem übrig, wenn nichts von einem übrigbleibt?“
Zum erfolgreichen Abschluss des Weihnachtsgeschäfts überreicht die Direktion eines großen Kaufhauses den Angestellten „als Zeichen der Wertschätzung" ein Fläschchen „Qualitäts-Branntwein". Ausgenommen sind ausländische und nicht ständig beschäftigte Mitarbeiter - wie die Putzfrau Maria, deren Arbeit erst beginnt, als die übrigen Angestellten das Kaufhaus verlassen haben, und der Nachtwächter Josef. Beide sind eigentlich schon pensioniert, bessern aber als vorweihnachtliche Aushilfskräfte ihre Renten auf. Kurz vor der „Heiligen Nacht" kommen sie in dem leeren Kaufhaus ins Gespräch, erzählen einander die Stationen ihres Lebens, ihre Wünsche und Träume, gescheiterte und bewahrte Hoffnungen, politische und private Kümmernisse. So entsteht ein Portrait zweier einsamer Menschen von der Rückseite der Wohlstandsgesellschaft, die schließlich versuchen, einander in einem spontanen, illegalen „Fest der Liebe" etwas von jener „Wertschätzung" zukommen zu lassen, die ihnen die konsumorientierte Mitwelt versagt.

„Das Bild, welches die Gesellschaft von alten Menschen hat, wird am wenigsten von den Alten selbst bestimmt. Die Werbung entdeckt sie als 'spezifische Käuferschicht', das Fernsehen macht sie zu fröhlichen 'Senioren'... Ich möchte Ihnen keine Geschichte 'über' alte Menschen erzählen, ich möchte Ihnen Geschichten, Erinnerungen, Erzählungen, die ich von alten Menschen gehört habe, weitererzählen". (Der Autor)
ausführliche Beschreibung
Weihnachten im Kaufhaus. Nach Ladenschluss begegnen sie einander: Josef und Maria. Die Namensvetter des biblischen Paares beugen sich nicht über das Jesuskind in der Krippe, sondern suchen vorübergehend Herberge im stillgelegten Konsumtempel, um der Einsamkeit zu entgehen. Zwei Übriggebliebene, die nichts gemeinsam haben als die freiwillige Arbeit am Hl. Abend. Der alleinstehende Josef Pribil hilft bei der Wach- und Schließgesellschaft aus, die verwitwete Maria Patzak arbeitet gelegentlich als Putzfrau. Zögernd kommen sie miteinander ins Gespräch. Sie erzählen von ihren gescheiterten Träumen und bewahrten Hoffnungen. Maria behauptet beharrlich, von ihrer Familie erwartet zu werden. Bis sie zu weinen anfängt und die Geschichte zurechtrückt. Josef lehnt als kommunistischer Freidenker den Heiligen Abend kategorisch ab. Beide zählen seit ihrer Kindheit nicht zu den Bevorzugten der Gesellschaft und haben sich mit ihrem vergewaltigten Leben arrangiert. Der ehemalige Statist Josef Pribil hat einst Theaterluft inhaliert und später als Glasschleifer bei der Görz-Optik Feinstaub und Tuberkulose überstanden. Als Verfechter der kommunistischen Idee steht er über den Zerfall der Sowjetunion hinaus innerlich an vorderster Front. Maria war Varietétänzerin und hängt ihrem früheren Engagement in Tirana nach. Jahrelang hat sie als kleine Angestellte einer Radiofirma ihre künstlerische Vergangenheit verschwiegen. Jetzt erinnert sie sich an ihre Schönheit, die Liebe zum Tanz und spürt unerfüllte Sehnsüchte. Im Laufe des Abends werden die traurigen Christkinder übermütig. Beim Tango überwinden sie die Peinlichkeit, die das Alter für ihr Umfeld den eigenen Leib bedeutet und feiern die Geburt Jesu‘ im Warenhausbett. Dann geht das Licht aus. Stille Nacht, heilige Nacht.

Peter Turrini verlegt den Stall von Bethlehem in ein leeres Kaufhaus. Zwei Ausgestoßene machen miteinander Bekanntschaft und identifizieren im jeweils anderen die Einsamkeit. Sie verteidigen vehement ihre Vergangenheit, behaupten tapfer ihre Gegenwart und blicken in gebeugter Haltung in die Zukunft. Das oft zitierte Bild der abgeschobenen Alten am Heiligen Abend ist Wirklichkeit und durch keine falsche Idylle zu korrigieren. Doch Josef und Maria nützen die Gunst der Stunde. Sie richten sich häuslich in der glitzernden Warenwelt ein und erschaffen ein anderes Weihnachten. Ausgehungert eröffnen sie einander ihr Leben und ergreifen die Chance zur Zweisamkeit. Die Welt draußen, die sie zum menschlichen Abfall erklärt hat, wird nun ihrerseits ausgeblendet. Dass Turrini den beiden einen Stern vom Himmel holt und zu vorgerückter Stunde die Liebe einkehren lässt, ist seiner unerschütterlichen Leidenschaft und unheilbaren Unvernunft zu verdanken.