Alice

nach „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ von Lewis Caroll

Dimitré Dinev

Alice im Wunderland als psychologisch raffiniertes Traumspiel
„Würden Sie mir bitte sagen, warum Ihre Katze so grinst?“
Dimitré Dinevs Neudichtung des Literatur-Klassikers von Lewis Carroll lebt von Poesie, Bildern und der Magie der Worte und Wortspiele. Im Original ist es der Traum: Die siebenjährige Alice stürzt in den Kaninchenbau. Bei Dinev ist es das Trauma: Die erwachsene Alice hat einen Autounfall, weil sie einem Kaninchen ausweicht und liegt im Koma. Die Geschichte läuft als „letzter Film“ auf der Intensivstation ab und bildet den erzählerischen Rahmen für die Reise zu sich selbst. Von der Weißen Königin verkleinert, schwimmt Alice durch ihr eigenes Tränenmeer und begegnet wundersamen Wesen.
ausführliche Beschreibung
Alice fährt mit ihrer abergläubischen Schwester zu einem Vorstellungsgespräch. Eine schwarze Katze und einen Priester haben sie schon hinter sich, jetzt fehlt nur noch ein Hase. Und da kreuzt schon ein Kaninchen die Straße. Bremsenquietschen, Zusammenprall, Dunkelheit.

Alice fällt in eine andere Welt. Sie folgt einem weißen Kaninchen mit einer Weste und einer Taschenuhr und steht vor versperrten Toren. Durch eine winzige Tür blickt sie in einen herrlichen Garten. Dort will sie hin. Aber sie ist zu groß. Alice bekommt einen Trunk von der Weißen Königin, der sie verkleinert. Sie schwimmt durch ihr eigenes Tränenmeer und trifft eine Maus, die das sinkende Schiff verlassen hat und sie ans Ufer bringt. Dort begegnet sie einem Dodo in vielerlei Gestalt. Ein Höllenhund verfolgt sie im Auftrag des Schwarzen Königs.

In traumhaften Sequenzen erlebt sie ihre Bergung und Wiederbelebung am Unfallort. Eine Wasserpfeife-rauchende Raupe, ein Fisch mit einem Brief in der Hand, eine Grinsekatze sind die nächsten Begegnungen, bevor ihr die Herzogin ein Baby überreicht, das ein Schwein ist. Sie setzt sich an einen gedeckten Tisch zum Hutmacher, dem Märzhasen und dem Murmeltier. Sie geben Rätsel ohne Lösungen auf und eröffnen ihr das Wesen der Zeit, zu der sie ein gespaltenes Verhältnis haben. Bei ihnen ist es immer fünf Uhr. Teezeit.

Auf ihrer weiteren Suche flirtet sie mit dem Herzbuben. Auf seinem Fahrrad, das schneller als das Schicksal ist, bringt er sie in den Garten der Herzkönigin. Dort rollen nicht nur Igel, sondern auch Köpfe, die Angst regiert. Die Herzogin – von der Königin zum Tode verurteilt – zeigt Alice den Weg hinaus. Ein Greif fliegt mit ihr in einen anderen Traum. Denn die Wahrheit ist nicht nur in einem Traum, sondern in mehreren.

Während Alice im Traumland weiterwandelt, sitzt die Familie der verunglückten Alice am Krankenbett und hofft auf ihr Erwachen. Die Mutter, der Vater, die Schwester, der Ehemann. Alice im Wunderland wird von der Schwarzen Königin auf ein riesiges Schachbrett geschickt. Der Vater der verunglückten Alice hat das Kartenspielen aufgegeben und spielt in der Hoffnung auf eine ins Leben zurückgekehrte Tochter als „Gegnerin“ nur noch Schach. Ärzte stellen düstere Prognosen, während ein Patient, der für einen Arzt gehalten wird, wie ein Mensch spricht und die Familie emotional stärkt. In welcher Welt wird Alice aufwachen?

„Wer in einer kommunistischen Diktatur gelebt hat, ist sehr vertraut mit dem Absurden.“ Der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller Dimitré Dinev hat Lewis Carrols ikonische Romane „Alice im Wunderland“ und „Alice im Spiegelland“ zu einem psychologisch raffinierten Theaterstück verwandelt.
3D 6H 1 Darst.
Schauspiel
UA: 18.06.2015, Sommerspiele Melk