Regenkatzen

Peter Limburg

Ein starkes Stück an der Schmerzgrenze des Lebens, und doch verströmen diese rätselhaften Figuren Hoffnung. Und Komik.
Kurz vor Weihnachten taucht der obdachlose Freddy in Walters Wohnung auf. Einst war Freddy Lehrer, Walter Priester – beide haben ihre Welt verloren. Doch Freddy öffnet seinem neuen Freund den Blick für jene am Rand der Gesellschaft und scheint mehr über Walter zu wissen, als dieser ahnt. Während draußen der erste Schnee fällt, stellt sich die Frage: Ist es Zufall, Schicksal – oder ein stilles Zeichen von oben?

Weihnachten geht an keinem Menschen vorbei. Da kann er sich noch so sehr in freiwilliger oder unfreiwilliger Isolation befinden. Peter Limburg greift tief in die verwundeten Seelen zweier Ausgestoßener und gibt den Vereinsamten eine Stimme.
ausführliche Beschreibung
Ein paar Tage vor Weihnachten steht Freddy Etten plötzlich in Walters Wohnung. Zuerst hält der ihn ja für den neuen Nachbarn, der ihn seit Wochen mit lautem Bohren terrorisiert. Doch Freddy ist kein Nachbar. Und er wohnt auch nicht im achten Stock, wie er behauptet, denn das Haus hat nur sieben Etagen. Freddy wohnt überhaupt nirgends, das war einmal, in einem früheren Leben, in dem es noch nach Kittis selbstgebackenen Weihnachtskeksen gerochen hat. Freddy lebt auf der Straße, er ist obdachlos. Als triefendes Nachtgeschöpf hinterlässt er seine Spuren in Walters Wohnzimmer. Der erlaubt ihm, sich ein paar Minuten aufzuwärmen, bevor er ihn in den Regen zurückschickt und sich selbst auf den Weg in Charleys Bar macht, wo er als Pianist arbeitet.

Doch zwei Tage später kehrt Freddy zurück und scheint sich in Walters vier Wänden immer heimischer zu fühlen. Jedenfalls rückt er dem alleinstehenden Klavierspieler, der seine Aggressionen in einen Sandsack „boxt“, immer näher. Er repariert den kaputten Wasserhahn, beglückt ihn mit verkohlten Bratkartoffeln, genießt unter der warmen Dusche längst vergessenen sanitären Luxus und wird neu eingekleidet. Walter weiß nicht, was es ist, aber da steckt etwas Starkes, Unverrückbares hinter der zerlumpten Fassade, die das Leben seinem eigenwilligen Gast verpasst hat. Ist er dem Penner mit der trockenen Pfeife im Mund nicht schon irgendwo begegnet?

Die Katze auf seinem Balkon, die im Regen miaut, scheint es zu wissen. Freddy argumentiert sich munter und gewitzt durch diese Welt, aus der er nicht zu kommen scheint und hinterlässt lauter Fragezeichen. Was hat es mit der kitschigen Plastikmadonna auf sich, an der Walter, der erstaunlich oft von Gott spricht, so zu hängen scheint?

Die Adventfeier im Obdachlosenheim bringt die beiden ein Stück näher. Walter macht Bekanntschaft mit Ölsardinen-Nikolaus, er erfährt, dass Freddys Mülltonnen-Josefa überfahren wurde und Schrott-Eddie freiwillig diese Erde verlassen hat. Er verbringt mit Freddy eine regennasse Nacht in einer Toreinfahrt und kommt zu der Erkenntnis, dass in der Welt der Gestrandeten alle Philosophen sind. Freddy mag in der Gosse gelandet sein, doch sein Kern ist unbeschädigt. Und so schafft es der ehemalige Lehrer, seinem neuen Gefährten den Weg zu weisen. Denn von dem ist der ehemalige Priester abgekommen. Walter hadert mit der katholischen Kirche, die ihn verstoßen hat, und vergisst, dass da draußen jemand auf ihn wartet, den er selbst verstoßen hat.

Freddy scheint darüber mehr zu wissen, als Walter ahnt. Er ist es, der auf die richtige Fährte führt. Und die ist vom lieben Gott da oben weit weniger entfernt als die jener Institution, die Walter verlassen hat, weil er sich klerikaler Heuchelei verweigert hat. Ist es ein Zeichen von da oben, dass es nach tagelangem Regen endlich schneit? Und laufen Katzen auch ins
Schneegestöber?