Eine Wiederbegegnung mit Marianne aus Ödön von Horváths Geschichten aus dem Wienerwald
Ich kann nicht mehr. Jetzt kann ich nicht mehr, sagt Marianne zu Oskar. Dann komm, antwortet er. Das sind die letzen Worte in Ödön von Horváths unsterblichem Theaterstück. Was ist danach passiert? Was ist aus Marianne geworden, die vom Tod ihres Kindes erfahren hat? Wie geht so ein Leben weiter, nachdem im Theater der Vorhang fällt?
Einige Jahre später. Österreich steht kurz vor dem Anschluss. Die Vorboten der unheilvollen Zukunft hängen in der Luft. Marianne hat ihren ehemaligen Verlobten Oskar doch noch geheiratet. Und sie hat wieder ein Kind bekommen. Robert. Sie kann ihn nicht so lieben, wie sie es für das Kind und sich selbst als Mutter wünscht. Und wie sie Leopold, den toten Sohn, geliebt hat. Sie steckt in einem Leben fest, dem sie einst, mit Alfred, entfliehen wollte. Doch die Fahrt ins Glück war von kurzer Dauer. Sie taucht in die Vergangenheit und findet langsam zur Gegenwart, mit der sie sich vorsichtig anfreundet.
Der Monolog spielt in einem Wiener Park. Marianne sitzt auf der Schaukel ihrer Kindertage, die milden Ermahnungen der früh verstorbenen Mutter im Ohr. Um die Ecke ist ein neuer Spielplatz, wo ihr Sohn Robert in der Sandkiste auf Selma wartet, in die er verliebt ist. Und deren Mutter Angst zu haben scheint, wie so viele andere, die in diesen Tagen aus Wien verschwinden. Marianne spürt, dass sich etwas Gefährliches zusammenbraut, aber sie weiß nicht, was sie davon halten soll. Sie denkt an die Zeit mit Alfred, für den sie damals alles aufgegeben hat. Und sie ruft sich in Erinnerung, was danach kam: Der Verstoß des Vaters, die erste Zeit mit ihrem Kind, die Arbeit als Tänzerin in der Nachtbar, die Untersuchungshaft, der Tod des kleinen Leopold in der Wachau. Und plötzlich stehen sie alle wieder da aus der stillen Gasse im achten Bezirk: Ihr Vater, der Zauberkönig, ihre große Liebe Alfred, der auf den Rennplätzen daheim war, Valerie, die berühmte Trafikantin, der Fleischhauer Oskar. Jetzt ist sie die Ehefrau von Oskar, so wie es vom Vater, dem Zauberkönig vorgesehen war. Alle sind zufrieden. Nur sie nicht.
Die Marianne von damals ist inzwischen älter geworden und hat sich mit dem Leben arrangiert. Und doch wieder nicht. Denn sie stellt viele Fragen. Und sie sucht einen Weg zu ihrem zweiten Kind, das ihr fremd ist. Tief im Innersten hat sie sich ihre Kompromisslosigkeit erhalten, was ihren Anspruch auf Gefühle betrifft. Aber sie ist nachsichtiger geworden, mit sich und den anderen. Auch mit Oskar, der ihr letztendlich auch Sicherheit gibt. Das Leben geht nicht immer als Tragödie weiter. Trotzdem heilt die Zeit nicht die Wunden einer Mutter, die ihr Kind verloren hat. ………..die Verletztheit und innere Isolation……….. Sie lässt aber auch die augenblickliche Komik und die Sehnsucht nach Leichtigkeit nicht außer Acht, durch die sich Marianne mit ihrem Leben, das länger als ein Theaterstück dauert, zu versöhnen beginn