1984 durchgestrichen

Bernd Liepold-Mosser

Update von Orwells ikonischer Dystopie von 1948
Die meisten Menschen sind so unvollkommen, dass ich ihnen das Menschsein sofort abspreche. Man muss das Positive zusammenfassen und konservieren. Der Rest ist wertlos.“
„1984 durchgestrichen“, eine Big-Data-Performance für 4 DarstellerInnen. Was in Orwells 1984 der Staat mittels gewaltsamer Überwachung durchsetzt, besorgen wir heute selbst: via Google Maps, WhatsApp, Self-Tracking u.v.m. Es lebe die digitale Freiheit!
ausführliche Beschreibung
Verfügbarkeit. Erreichbarkeit. Effizienz. Bequemlichkeit. Sicherheit. Kontrolle.
Unsere digitale Existenz hat unser Leben verändert.
Ohne das WWW können wir nicht mehr leben.
Ohne WhatsApp, ohne Statusmeldungen, OnlineShopping, Twitter, Facebook, SelfTracking, Google Maps.

Wir träumen von smarten Häusern, interaktivem Storytelling, künstlicher Intelligenz. Das sind wir, in jedem Moment fassbar, immer präsent.
BIG SIS weiß, wo wir sind. Wir verraten unsere Blutzuckerwerte, unsere Reisepläne, unser Einkaufsverhalten, unsere sexuellen Vorlieben. Wir liefern Bilder dazu, wir zwitschern unsere Wünsche um den Globus, wir vertrauen unseren Apps unsere privatesten Unterhaltungen an. Dafür
fühlen wir uns nie mehr allein. Selten bis nie sind wir dem Zufall ausgeliefert.Wir optimieren unser Leben.

Und liefern BIG DATA. DIE FIRMA weiß alles über uns. Was INGENIEUR O’BRIEN als GaragenBastler unter der kalifornischen Sonne begann, setzen BIG SIS und ihre FIRMA im Glastower im Silicon Valley fort. Und wir sind begeistert.

Der Verlust unserer Freiheit ist unsere Freiheit!

Julia und Schmidt lieben sich. Das wollen sie der Welt erzählen. Sie posten ein Nacktfoto und kriegen über 2000 Likes. Sie haben viele Follower. Die Welt freut sich an ihrer Liebe und sie freuen sich zurück. Bis Julia irgendwann klar wird, dass das Retinadisplay ihres neuen iPhones keine Falten kriegt, dass es neben ihr im Bett liegt ohne zu schnarchen, dass es ihr immer Aufmerksamkeit gibt und
nichts dafür verlangt.

Und Schmidt sich immer mehr vom digitalen Doppelleben distanziert. Er benutzt das Handy nur noch zum Telefonieren. Manchmal schaltet er es sogar aus. Schließlich ist er so weit: Er geht OFFLINE. Schlägt sich in die Wälder, entkommt den letzten Kameras. Und wird trotzdem genauestens überwacht.

Und irgendwann haben sie ihn. Ingenieur O’Brien und Big Sis können auch anders. Wer nicht kooperiert, wird gefoltert. Bis die Antworten wieder stimmen. „Was bedeutet Paradies?“ „Die permanente Erreichbarkeit.“ „Was heißt Freiheit?“ „Die Kontrolle des Zufalls.“ „Wodurch fühlst du dich bedroht?“ „Durch die beschränkte Akkuleistung meines Smartphones.“

SCHMIDT ist wieder angepasst, JULIA ist noch angepasster. Sie wurde wegoptimiert, an ihrer Stelle: Ein Julia-Androide. „Diese Welt ist schön. Sie ist makellos. Sie ist so, wie ich sie mir vorstelle.“
„Der mehrfach preisgekrönte Autor und Regisseur Bernd Liepold-Mosser hinterfragt mit '1984durchgestrichen' den Angriff auf die Freiheit und die Privatsphäre. Sein Text ist einfach und voller Klarheit, die Aussagen sind deutlich und ohne viel Schnörkel.“
vol.at, 28. März 2015
„Provokativ und aufwühlend ist das Stück, beklemmend sein geballter Text.“
Roland Falk, Neue Vorarlberger Tageszeitung, 29. März 2015
„Bernd Liepold-Mosser hat mit der Präzision eines Wissenschaftlers genau erfasst, was heute Realität geworden ist. Nämlich nicht der graue Überwachungsstaat, wie er im Stück '1984' von George Orwell prophezeit wurde, sondern eine lustvolle Selbstunterwerfungsmaschinerie, die mit den Verkaufsargumenten "Spaß und Freiheit" und mit ihren digitalen Krakenhänden alle Lebensbereiche erfasst.“
Wolfgang Ölz, Vorarlberger KirchenBlatt, 2. April 2015
2D 2H
Schauspiel
UA: 27.03.2015, Vorarlberger Landestheater