Mascha Dabić zeigt in ihrem vielbeachteten Roman einen Tag im Leben einer Frau, die in einer unmenschlichen Zeit zwischen Anteilnahme und Abgrenzung balanciert.
Der Roman Reibungsverluste nimmt den Leser mit in den Alltag einer Dolmetscherin. Allerdings nicht irgendeiner Dolmetscherin, sondern der jungen, leicht chaotischen Nora, welche seit gut einem Jahr in einer psychotherapeutischen Einrichtung für Flüchtlinge und Asylwerber/Asylwerberinnen aushilft. Angefangen bei ihren morgendlichen Ritualen, den aufwühlenden Übersetzungsarbeiten, bis hin zum abendlichen Heimkehren begleitet der Leser Nora auf Schritt und Tritt. Dabei wird schnell klar, dass der Job einer Dolmetscherin kein leichter ist. Als passive Teilnehmerin an intimen Gesprächen zwischen Patient und Therapeutin vernimmt sie Schicksalsschläge aus erster Hand und hilft diese so reibungslos wie möglich in eine neue Sprache zu übertragen. Diese Arbeit erfordert nicht nur ein starkes Nervenkostüm bezüglich des Inhalts, sondern stellt ebenso in Sachen Wortwahl eine Herausforderung für Nora dar.
Mascha Dabić demonstriert die linguistischen Schwierigkeiten von Übersetzungen und die Unzulänglichkeit von Sprache an sich. Wie ein gewissenhafter Dichter muss die Protagonistin jedes Wort und dessen deutsches Pendant dazu genau abwiegen, um eine gute Balance zwischen Form und Inhalt zu finden. Dabei ist ironischerweise der Erfolg ihrer Arbeit dadurch gekennzeichnet, dass ihre Anwesenheit während der Termine erst gar nicht zur Kenntnis genommen wird. Doch die Traumata der Flüchtlinge beginnen Nora auch außerhalb des Therapieraumes zu verfolgen, sodass die sprachliche Übertragung der Geschichten eine psychische mit sich zieht. Aus diesem Grund ist Reibungsverluste sowohl ein Roman von sprachlicher Finesse als auch psychologischem Tiefgang, welcher auf unterhaltsame Weise zeitgenössische Probleme aus einem neuen Blickwinkel betrachten lässt.
Dabei ist deutlich herauszulesen, dass Mascha Dabićs Werk nicht nur auf gründlicher Recherche basiert, sondern auch persönliche Erfahrungen verarbeitet. Denn die Autorin ist selbst Übersetzerin, Verfasserin journalistischer Beiträge zu Migration und Dolmetscherin im Asyl- und Konferenzbereich. Politik, Sprache und deren Symbiose spielen demnach auch in ihrem Leben eine große Rolle, sie weiß, wovon sie in Reibungsverluste schreibt. Vermutlich ist Dabić der Einblick in Noras Alltag deshalb so gut gelungen.