Nekropolis – Die Stadt gehört uns!

Anita Augustin

Die Zombie-Apokalypse als schwarzhumorige Splatter-Komödie
„Man kann von Zombies halten, was man will, aber korrupt sind sie nicht.“
Eine Lebensform, eher tot als lebendig, breitet sich aus. Eine globale Seuche in Gestalt von Zombies droht die Menschheit, wie wir sie kennen, auszurotten. Drei Überlebende der Katastrophe haben sich verschanzt und versuchen nun herauszufinden, was in der Welt da draußen vorgeht. Wer sind diese Untoten? Wie können wir dieser grauenerregenden Apokalypse entgegentreten? Ist einer von ihnen vielleicht infiziert? Und wenn ja, was bedeutet das?

Was bedeutete der dahinvegetierende Zombie früher und wie zeigt sich das Wesen des Untoten heute? Mit tiefschwarzem Humor und hintergründigem Spaß am Untergang nähert sich Anita Augustin dem popkulturellen Mythos des Zombies.
ausführliche Beschreibung
Vor siebzig Jahren hat man die ersten lebenden Toten gesichtet, da sind sie auf der Bildfläche erschienen, und sie waren nicht weiter bemerkenswert. Traurige Gestalten aus der untersten Splatterschublade. Wir erinnern uns gerne an sie, wir werden nostalgisch dabei. Nein, was waren die Dinger harmlos! Hängende Schultern, stumpfer Blick, dazu der notorisch schleppende Gang, das traumwandlerische Taumeln Richtung Opfer mit ausgestreckten Armen, mehr flehend als bedrohlich, um Hilfe heischende Geste der Bestie, alles sehr niedlich. Und schnell erledigt.

Der Schlichtheit des Tötens in den frühen Zombiefilmen entspricht die Schlichtheit des Diskurses rund um das Phänomen selbst. Was ist ein Zombie? Was bedeutet er? Antwort: Voodoo macht’s möglich, Belebung der Toten zum Zwecke ihrer Versklavung, aber dann rotten sie sich zusammen und proben den Aufstand. Unscharfe Kapitalismuskritik, Revolte der Lohnsklaven, klappt nicht so richtig, sie sind so blöd, im Genreklassiker Night of the Living Dead schwanken sie willenlos durch einen Supermarkt, und man weiß nicht so recht: Wollen die jetzt einkaufen oder was?

Heute sieht die Lage so aus: Zombies sind schnell, Zombies sind aggressiv. Sie wollen nicht einkaufen, sie wollen das Fleisch gratis. Unser Fleisch. Kein fauler Zauber hat ihnen zu ihrem untoten Leben verholfen, sondern ein Virus. Zombies sind neuerdings krank. Blöd sind sie nach wie vor, aber nur als Individuen. Aus den Gruppen oder Horden, zu denen sich die Untoten der Pionierzeit mehr oder weniger willenlos zusammengerottet haben, ist eine millionenköpfige Masse mit Schwarmintelligenz geworden. Die Zombies des 21. Jahrhunderts sind keine Sklaven, haben keinen Herrn und brauchen keinen Führer. Freie Untote, Netzwerkzombies; verlinkt im Zeichen des kollektiven Willens, der da heißt: fressen!

(Anita Augustin)

Hungrig waren die Zombies schon immer, aber was sich früher als Karikatur eines Primärtriebs dargestellt hat (alles Lebende will Nahrung), erscheint bei den pathologisch aufgerüsteten Zombies der Gegenwart in völlig neuem Licht: Sie beißen nicht, weil sie hungrig sind, sondern weil sie ansteckend sind. Es geht nicht um Kannibalismus, es geht um Infektion. Wie es aussieht, wollen die zeitgenössischen Zombies vor allem eines: sich vermehren. Geschlechtliche Fortpflanzung ist ihnen in der Regel verwehrt, aber das haben sie auch gar nicht nötig.

Wir ahnen, worauf die Sache hinausläuft. Wir ahnen Schreckliches: Die Masse der lebenden Toten arbeitet nicht an unserer Vernichtung, sie arbeitet an unserer Wiedergeburt als ihresgleichen. Und jetzt mal ehrlich: Wäre das nicht wunderbar? Wäre das nicht in vielerlei Hinsicht ein Traum? Der sozialdigitale Traum vom perfekten Netzwerk? Oder der alte Menschheitstraum vom ewigen Leben, dem ein überwundener Tod vorausgeht? Nun ja, der vielleicht nicht, oder nur in einer paradoxen Paraphrase, denn als Zombies würden wir ja nicht ewig leben, sondern permanent sterben, und das post mortem. Virile Verwesung, Kadaver de luxe. Nicht besonders appetitlich, aber immer noch besser als tot sein. Oder?

Wie auch immer, eines steht fest: Die größte Herausforderung bei Nekropolis wird weniger darin bestehen, uns die Zombies vom Leib zu halten, als vielmehr darin, uns nicht freudig in ihre Arme zu werfen.
„'Nekropolis' dürfte das vielleicht unblutigste Zombiestück aller Zeiten sein. Den Machern geht es nämlich vielmehr um die Frage, wie der Mensch sich im Angesicht der Katastrophe verhält.“
Florian Welle, Süddeutsche Zeitung, 17. Dezember 2017
„Abgeleitet von Filmen wie 'The Walking Dead' oder 'Zombieland', verschiebt diese spritzig-komödiantische Produktion Zombies als Metapher in den ganz realen Wahnsinn.“
Brigitte Schmid-Gugler, St. Galler Tagblatt, 28. April 2016
„Die drei Charaktere stellen die großen Fragen nach dem Sein. Was ist Leben? Was ist der Tod? Was ist der Mensch? Ist jemand mit einer künstlichen Hüfte, mit Silikonbrüsten, mit einer Organtransplantation noch immer ein Homo sapiens sapiens oder eine modifizierte Version, sprich Zombie?“
Veronika Fischer, saiten.ch, 3. April 2017
„Hintergründiger Grusel“
Annika Frömel, Südkurier, 10. April 2017
1D 2H
Komödie, Schauspiel
Der Text war ursprünglich für eine Live-Hörspiel-Variante konzipiert.
UA: 29.04.2016, Blumenmarkt 11 St.Gallen, Regie: Jonas Knecht
DEA: 14.12.2017, Staatstheater Nürnberg / BlueBox, Regie: Eike Hannemann
Frei zur: ÖEA