Vögel, die den Himmel kreuzen

Thomas Glavinic

Thomas Glavinic stellt die Frage nach der ultimativen Wahrheit und die Schwierigkeit, diese zu ertragen.
"Es gibt nur ein paar Dinge, die zu wissen einen wirklich hohen Preis kostet. Und das sind selten die Dinge, von denen man es erwartet."
Paul und Marion sind seit 17 Jahren ein Paar. Sie lieben und verabscheuen sich und kämpfen um ihre Liebe. Auch um die körperliche. Paul bestellt einen jungen Mann ins Haus, der sich vor seinen Augen mit Marion vergnügen soll. In Erwartung des anonymen Lovers beginnen die beiden ein Spiel, das sie weiter zu führen scheint, als der mit Ungeduld und Ängsten erwartete erotische Dreier.
ausführliche Beschreibung
Paul ist ein angesehener Universitätsdozent der akademischen upperclass, Marion, nicht ganz in seinen Kreisen daheim, auf der Suche nach Selbstverwirklichung, kämpft gegen Pauls Herablassung. Sie haben einen Punkt ihrer Beziehung erreicht, an dem man einander verbal nicht mehr schont. Man lebt nach den Spielregeln des anderen und droht daran zu ersticken. Doch das Miteinander ist immer noch wertvoller als das Ohneeinander. Daher kämpft man um den anderen, den man liebt und verabscheut und begehrt. Und man sucht einen Kick, auch auf sexueller Ebene, vielmehr, in diesem Fall, sucht Paul ihn. Es war seine Idee, einen jungen Mann ins Haus zu holen, der sich vor seinen Augen mit Marion vergnügen soll. Marion spielt mit, wobei sie Paul mit ihren offen ausgesprochenen Vorstellungen über den bevorstehenden „Dreier“ beinahe verunsichert. In Straps und Tanga sind sie bereit für den Jüngling, der ihnen helfen soll, ihre Phantasien in die Realität umzusetzen. Als sich der mit allen Ängsten erwartete „lebendige Dildo“ wegen einer Autopanne verspätet, lassen sich die beiden
auf ein heikles Spiel ein: Pflicht oder Wahrheit. Doch kann man alle Antworten auf die Fragen, die man stellt, ertragen? Was ist heikler: die Pflicht oder die Wahrheit? Wie viel Lüge verbirgt sich immer noch hinter der Wahrheit? Nachdem sämtliche Punkte geheimer sexueller Wünsche im spielerischen Hin und Her abgehandelt sind, wird an der Tür gekratzt, hinter der die Angst lauert. Die Angst, allein zu sein, einander zu verlieren und nicht überleben zu können. Die Stimmung ist aufgeladen. Das Spiel um Wahrheit und Pflicht ist zwingend und versperrt alle Fluchtwege. Paul und Marion verpflichten sich zur nächsten Wahrheit, der echten Wahrheit. Und es kommen schmerzliche Tatsachen ans Tageslicht, mit denen man einander bisher verschont hat. Doch statt verbrannter Erde tun sich neue Wege auf. Und dann läutet es an der Tür…

Wenn Thomas Glavinic sich auf den fortgeschrittenen Gefühlskampf zweier Menschen einlässt, dann schont er weder sich noch seine Figuren, da geht's ans „Eingemachte“. Was bleibt, wenn alles gesagt ist? Was kommt noch, wenn alle Tabus gebrochen sind? Glavinic stellt die Frage nach der ultimativen Wahrheit und weiß um das schmale Maß ihrer Erträglichkeit. Seine Sprache kommt direkt und ungefiltert aus seinem Autorenherzen, das sich Leben und Schreiben nicht leicht macht. Dahinter steckt eine tiefe Sensibilität, die seine Figuren zu Menschen macht, die um die Liebe und das nackte Leben kämpfen.