Fremdenzimmer

Peter Turrini

"Dass einer, der unsere Sprache nicht versteht, mich versteht, das versteh ich nicht."
Samir landet bei der Verfolgung durch die Fremdenpolizei im Wohnzimmer des Ehepaares Gustl und Herta. Hier gibt es ein Fremdenzimmer, einen Raum, den Herta für ihren verschollenen Sohn bereithält. Er steht seit Jahren leer, so wie auch Samir zu einer Leerstelle, zur Projektionsfläche im Stück wird. Das ändert sich, als man seine Geschichte erfährt. Der geflüchtete Mensch aus Syrien wird zum Katalysator einer im Schweigen verstockten Beziehung zweier Menschen jenseits der sechzig. Mitten im Wohnzimmer, fern von Kriegsschauplätzen.

Peter Turrini schreibt über ganz normale Menschen und erzählt deren Geschichten, deren Suche nach Nähe, deren verschüttete Illusionen, und endet mit einem märchenhaften Höhenflug.
ausführliche Beschreibung
Die 62-jährige Mindestrentnerin Herta Zamanek lebt mit dem 60-jährigen frühpensionierten Postbeamten August Gustl Knapp gemeinsam in einer Wohnung. Die ehemalige Aushilfskellnerin ist durch die Lücken des Sozialsystems gefallen. Glück in der Liebe hat's nie gegeben. Herta wartet seit dreißig Jahren auf die Rückkehr ihres Sohnes. Er ist als Teenager aus dem Haus gegangen und nie wieder aufgetaucht. Immer wieder versucht sie ihr Glück im Kasino, in ungebrochener Hoffnung, finanziell gestärkt die Suche nach dem vermissten Buben wieder aufzunehmen. Ein Zimmer steht immer frei für ihn, so eine Art Fremdenzimmer, falls der mittlerweile 47-Jährige – sofern er noch am Leben ist – doch eines Tages zurückkehren sollte.

Eines Nachmittags steht ein Fremder im Wohnzimmer. Sein Handy will der junge Mann aufladen. Samir – so heißt er – scheint mehr zu verstehen als er spricht und nichts anderes zu wollen, als sein Smartphone mit Strom zu versorgen. Herta und Gustl ordnen dem schweigsamen Syrer sofort einen Platz in ihrer eheähn-lichen Zweckgemeinschaft zu und klären ihn über die negativen Charaktereigenschaften des jeweils anderen auf. Herta wittert einen Ersatz für den verschwundenen Sohn und die lebenslange emotionale Ignoranz seitens der Männer. Sie bringt Samir Kuchen, während Gustl sich immer wieder in sein Zimmer flüchtet und im Reich seiner selbstgebastelten Modellflieger ins Leere starrt.

Gustl schwankt zwischen Ablehnung und Verbrüderung. Schließlich weiht er den Neuankömmling in ihrer beider Leben in die Details seines ehemaligen Berufes ein. Mit der Stahlrute in Reichweite - ein Requisit seiner früheren Postbotenlaufbahn zur Vertreibung bissiger Hunde - artikuliert er den Ärger über die Flut von komplizierten afrikanischen Namen, deren Träger über das Meer „geflutet“ wurden und ihm die Erfüllung der gebotenen Postzustellpflicht schier unmöglich gemacht haben. Er erklärt die unlesbaren und unaussprechbaren Adressaten zu den Schuldigen an seiner zwangsweisen Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand. Er kritisiert die ungebremste Fortpflanzungswut der hereinströmenden Menschenmassen und analysiert die Quoten von Muslimen im heimischen Bundesheer. Der Fremde wird immer tiefer in das Leben der Fremden gezogen und zum stummen Zeugen ihrer preisgegebenen Intimitäten. Samir begegnet dem ungebremsten Redefluss der Fragenden mit stereotypen Antworten, die aus einem Tourismuskatalog stammen könnten. Er lässt sein Handy nicht aus den Augen und schweigt.

Unerwartet erzählt Samir die dramatische Geschichte seiner Flucht. Er spricht Englisch, eine Fremdsprache für die beiden Zuhörer. Der traumatisierte Syrer wird genötigt, zu bleiben und seinen Willen zur Anpassung exzessiven Alkoholkonsum zu bezeugen. Als er betrunken einschläft, wird er für die Nacht ins Fremdenzimmer verfrachtet. Die gemeinsame Aktion erinnert an Momente einer fernen Zweisamkeit und mündet in längst verloren geglaubten Blicken und Berührungen. Samir wird über sein Handy von der Betreuungsstelle aufgespürt. Kurz danach soll er abgeholt werden. Sogar die Polizei schaltet sich ein. Herta und Gustl ahnen, dass sich das frische Glück verflüchtigt.Vereint ergreifen sie die Flucht. Nicht übers Meer, wie ihr gestrandeter Schützling. Sondern über Gustls letztem unversehrten Sehnsuchtsort, den Lüften …

Peter Turrini stellt einen 17-jährigen Geflüchteten in das Wohnzimmer eines älteren Paares. Die persönliche Überforderung mit Asylwerbern fließt ungefiltert in die hilflose Artikulierung der eigenen Defizite. Die beiden ziehen den Fremden übergangslos in ihr Leben. Beinahe scheint es, als hätten sie auf jemanden gewartet, der die Leerstellen ihres Daseins füllen könnte.

„Die Menschen produzieren nicht nur Gefühlsüberschüsse, sondern auch Wortüberschüsse … Noch nie war das Banale, das Nichts, so beredt wie heute. Die Unterhaltungsmaschinerie teilt einem ununterbrochen alles mit, das Letzte, das Intimste, das Dümmste. Für einen Dramatiker wie mich heißt das, dass die Figuren ungeheuer viel daherreden und auf diese Weise möglichst wenig von sich hergeben. Das Eigentliche wird in einem Wortberg versteckt und ist dort nur noch schwer aufzufinden. Meine Stücke sind eine Art Suchtrupp nach diesem Eigenen und Eigentlichen.“ (Peter Turrini über sein Stück)
„eine virtuos konstruierte Tragikomödie … Ein großer, ein brandaktueller Theaterwurf, Volkstheater mit Niveau und Seltenheitswert, zum Aufwachen“
Andrea Hein, Kronen Zeitung, 4. Februar 2018
„Den Tonfall der zwideren, paranoid-verstockten Österreicher beherrscht Peter Turrini meisterhaft. Die Dialoge sind ein knapper, brutaler Hickhack, indes unterströmt von einer doch erahnbaren Menschenliebe, die meterdick verschüttet liegen muss vom belastenden Leben vieler Jahrzehnte.“
Margarete Affenzeller, Der Standard, 27. Jänner 2018
„Turrini has written an extremely powerful play on a current subject. He shows what happens when two lost and angry souls find their lives radically altered. This is a play about far more than just the refugee crisis; it shows how quickly life can change.“
Ludovico Lucchesi Palli, Plays International, 2018/Vol. 33
„Turrinis Mix aus realistischem Volksstück, politischem Anliegen, abstrakter Spielanordnung und surrealen Elementen wird zu einer kuriosen alpenländischen Befindlichkeitsstudie.“
Margit Oberhammer, Dolomiten, 14. März 2019
„Was Turrini da an Vorurteilen und Vorverurteilungen, Widerstreben und Widerwillen für sein Volksstück zusammengetragen hat, spricht für seinen hinterlistigen Humor … Davon erzählt Turrini, und dies wie immer mit einer großen Liebe für seine Figuren.“
Michaela Mottinger, Mottingers Meinung, 26. Jänner 2018
1D 2H
Schauspiel
UA: 25.01.2018, Theater in der Josefstadt