Insel der Pelikane

Stephan Lack

„Ich bleibe sitzen. Bis der letzte Pelikan am Horizont verschwunden ist. Ich bleibe einfach nur sitzen.“
Der 18-jährige Mexikaner Kaveh verliert bei einem waghalsigen Einwanderungsversuch in die USA beide Beine. Gleichzeitig verhängt in einer europäischen Großstadt ein Unfall das gleiche Schicksal über den gleichaltrigen Thomas. Beide waren in ihren Parallelwelten auf dem Weg in ein neues Leben. Bleibt die Befreiung aus ihren Verhältnissen ein Traum?
ausführliche Beschreibung
Jährlich versuchen unzählige junge Mexikaner illegal in die Vereinigten Staaten einzureisen. Eine der gefährlichsten Wege ist als blinder Passagier auf Zugdächern die Grenze zu passieren. Eine solche „Reise“ kann mehrere Tage und Nächte dauern. Nicht wenige Jugendliche fallen bei diesem Unterfangen in die Hände brutaler Räuberbanden, verunglücken oder bezahlen mit dem Leben.

Ein Provinzkrankenhaus in Mexico: Der siebzehnjährige Matias besucht den achtzehnjährigen Kaveh, der bei seinem letzten Einwanderungsversuch beide Beine verloren hat. Matias schenkt dem beinamputierten Freund ein Buch über Alcatraz, die Insel der Pelikane, der fast noch niemand entkommen konnte. Trotzdem träumt Kaveh von seinem fünften Versuch, in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu gelangen. Matias bereitet sich, nachdem er beim erstem Mal in die Fänge der Grenzpolizei getappt war, auf seinen zweiten Anlauf vor.

Zur gleichen Zeit in einer europäischen Großstadt: die Studenten Thomas, Albert und dessen Freundin Leni sind gerade dabei, ihre Lebenswünsche und Projekte zu verwirklichen. Während Thomas nach neuen Erfahrungen in anderen Ländern dürstet, versucht Albert, sich als Künstler zu etablieren; sein erster Film, in dem er die Parallelen zwischen dem Leben von Jugendlichen in unterschiedlichen Teilen der Welt thematisiert, wird jedoch von der Kritik vernichtet. Leni engagiert sich für soziale Hilfsorganisationen.

Ein Autounfall auf dem Weg nach Paris verändert Thomas‘ Leben radikal. Wie der ihm unbekannte gleichaltrige Kaveh in Mexico verliert er ein Bein. Der Weg in das neue Leben hat über beide Menschen aus der so konträren Welt ein so ähnliches Schicksal verhängt. Eine Befreiung aus den Verhältnissen der Insel der Pelikane, scheint hier wie dort ein Traum zu bleiben.

Stephan Lack stellt in diesem Stück zwei Handlungsebenen entgegen und verknüpft sie, auch sprachlich, durch verschiedene Elemente, die für die agierenden Personen entgegengesetzte Wertigkeiten darstellen. Was für die jungen Mexikaner existentielle Bedeutung hat, ist für die westlichen Studenten kreative Zerstreuung und Ablenkung. Befreiung aus den gegebenen Verhältnissen ist in der einen Welt mit realer Lebensgefahr verbunden, in der anderen stellt sie die ledigliche Suche nach Gefahren im gesicherten Leben dar. Bei der Ausschau nach neuen Perspektiven wird der eine wie der andere in seine Grenzen verwiesen, selbst eine Annäherung durch scheinbar ähnliche Schicksalsschläge bleibt Illusion.