Selbstverständlich San Franzisko

Psychodrama

Gerlinde Obermeir

Ein autofiktionaler, poetischer Text der viel zu früh verstorbenen österreichischen Autorin Gerlinde Obermeir
„Gestern habe ich meine Erinnerung getroffen“
Das Stück ist die in Rückblenden gefasste Lebensgeschichte einer Frau, der die Vereinbarung ihrer Innenwelt, mit der sie umgebenden Außenwelt nicht mehr gelingt. In ihrer Erinnerung brechen Situationen auf, in denen sie verletzt wurde.

1980 erschien „Selbstverständlich San Franzisko“, vier Jahre später nahm sich Gerlinde Obermeir das Leben. Posthum wurde das Stück 1985 in Wien uraufgeführt. Das Stück wurde 2001 in die englisch-sprachige Anthologie „Women's words, women's works: an anthology of contemporary Austrian plays by women“ (neben Texten von Elfriede Jelinek, Michaela Ronzoni, Marlene Streeruwitz und Margret Kreidl) aufgenommen.
ausführliche Beschreibung
Iridna ist eine junge Frau, die auf ein „ganz normales Leben“ normal reagiert. Oder ist es doch nicht normal? Oder ist das Leben nicht normal?
Wo andere vergessen, verdrängen, verleugnen, bleibt dieser Frau keine andere Chance, als das Leben in seiner vollen Vehemenz durchzustehen. Sie erkennt die Banalität und Gemeinheit der Alltagssituation, aus der Sicht der Männer überhaupt nichts Aufregendes, steht dem aber eher machtlos und ausgeliefert gegenüber. Nachdem das Leben noch immer weitergeht, versucht sie sich durch die Flucht nach innen in ihrer Chancenlosigkeit zu helfen.
„Das Stück beschäftigt sich mit der Frage der Normalität einer Frau. Was die Umwelt als schizophren bezeichnet, empfindet Iridna, die Hauptfigur als Prozess der Menschwerdung.“
Gerlinde Obermeir
„Bilder entstehen, schlicht und deshalb berührend, weil sie so alltäglich wirken. Demütigungen einer Frau, die gar nicht mehr auffallen, weil sie viel ‚selbstverständlicher‘ als San Francisco sind: Prügel für erste sexuelle Berührungen als Kind; Schuldgefühle, weil ihre Liebe ein Hutschenschleuderer war; Zwänge in einer frustrierenden Ehe. Kommunikationslosigkeit.“
Sibylle Fritsch, profil, 1985
„Gerlinde Obermeir verhält sich zu den Trümmern ihrer Geschichte wie die Kassandra der Christa Wolf: sie will ihr Bewusstsein nicht verlieren bis zuletzt. Das leise Spiel wird dadurch ahnungsvoll tragisch, weil es eben keine Heroine ist, sondern eine Frau, die ein Leben ohne besondere 'Vorkommnisse' führt und an den 'normalen' Verhältnissen auseinanderbricht/schizophren wird.“
Elisabeth Loibl, Falter 8/85
„The story of Iridna illustrates how a woman fares in such a repressive patriarchal system, but at the same time it gives as a glimpse of how a woman survives in a misogynist environment which abuses her.“ (Udo Borgart und Andrea Bandhauer, Women's words, women's works: an anthology of contemporary Austrian plays by women, 2001) „‚Selbstverständlich San Franzisko‘ ist ein ganz außergewöhnliches Stück. Eine Frau gilt als schizophren, einzelne Szenen in ihrem Leben werden nachgespielt. Die Autorin spricht nicht mit den Formeln der gängigen Psychologie über ihre Hauptfigur, sie lässt sie aus sich selbst und von sich sprechen: in starken, poetischen, eindringlichen Sätzen. Das Ergebnis dieser Methode ist verblüffend. Der Prozess, den die Medizin als Geisteskrankheit einstuft, wird vom Zuschauer als Menschwerdung erlebt.“
Peter Turrini
3D 3H
Mehrfachbesetzungen vorgesehen
Schauspiel
UA: 31. März 1985, Studio Molière Wien, Regie: Michael Scheidl