Gericht bei Nacht

(The Vigil)
Spiel in drei Akten

Ladislaus Fodor

An einem Karfreitag verwandelt sich ein nüchterne Gerichtssaal in eine Bühne zwischen Realität und Bibelgeschichte. Während Richter und Anwälte aus der Gegenwart stammen, treten die Zeugen aus dem Jerusalem der Passion Jesu auf. Vor Gericht steht der „größte Betrug aller Zeiten“ – die Frage nach der Auferstehung, verhandelt zwischen sophistischer Rhetorik, politischem Kalkül und glühendem Glauben. Am Ende bleibt das Urteil offen – doch der Ostermorgen bricht an.
ausführliche Beschreibung
An einem Karfreitag, die Putzfrau hat ihre Arbeit im Gerichtssaal beendet, kippt die Handlung ins Surreale. Es beginnt ein traumhaft unwirkliches Zwei-Welten-Ereignis, denn Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und Geschworene gehören dem Hier und Jetzt an. Doch der Angeklagte Gärtner und die geladenen Zeugen kommen aus dem Jerusalem zur Zeit Jesus Christus.

Die Anklage will den größten Betrug aller Zeiten beweisen: die Lüge um die Auferstehung des „Messias“, alias Joschua Ben Mirjam, Später Jesus genannt. Kein Wunder, sondern ein bestochener Gärtner soll den Grabstein beiseite geschoben und den Leichnam entfernt haben.

Verteidiger und Staatsanwalt liefern einander wilde Wortgefechte. Beide beherrschen die Kunst sophistischer Dialektik, als wollten sie damit der römisch-hellenistischen Prägung des Tatortes ihre Referenz erweisen. Die Zeugen sind das „Who is Who“ des Neuen Testaments. Simon Petrus, Maria Magdalena, die berührende Kronzeugin der Verteidigung, sowie Mägde und Jünger aus dem Gefolge Jesu, schildern eindrucksvoll ihre Begegnungen mit dem Auferstandenen. Sogar der römische Statthalter Pontius Pilatus will nicht ausschließen, dass es sich bei Jesus um einen Gottessohn gehandelt haben könnte. Ein sichtbarer Gott der Juden, wie gerne hätte er mit ihm einen Kooperationsvertrag zwischen Besatzungsmacht und Palästina geschlossen.

Die Anklage fährt mit Zeugen auf, die von Bestechung der Soldaten am Grab wissen wollen und von geheimen Bünden, Seilschaften und Lobbys berichten, die spirituelle Interessen nur vorgeben, in Wirklichkeit aber nur politische Ziele verfolgen.

Alle wollen Geld verdienen. Einstudiert wirkende Aussagen konterkarieren ekstatische Ausbrüche über wundersame Begegnungen mit dem gekreuzigten. Der Belastungszeuge schlechthin, Saulus aus Tarsus, ein verbissener Christenverfolger und pharisäischer Eiferer, untermauert wirksam die Diebstahlsversion in diesem seltsamen Nebeneinander von Menschen zweier Epochen.

Erst im dritte Akt stützt Saulus in den Gerichtssaal, mit dem Feuer eines Mannes, den die Erkenntnis in Flammen setzt. Jesus sei auch ihm erschienen und habe ihn am Weg nach Damaskus bekehrt. Saulus, der sich fortan Paulus nennen wird, bittet die „Fischer“ und Maria Magdalena um Verzeihung. Den Staatsanwalt lässt er noch wissen, dass er nunmehr in alle Welt reisen und Zeugnis ablegen müsse. Doch noch bevor die Geschworenen ihr Urteil über den Gärtner fällen können, endet das Stück … am Ostermorgen.
6D 14H
1 Dek.
Schauspiel
UA: 1950, Frankfurt
Übersetzung aus dem Englischen:
Franz Josef Kollerics