Die Nacht vor Sarajewo

Kurt Becsi

Besci gibt ein atmosphärisches Stimmungsbild über den Untergang der Monarchie und deren letzte Machthaber wieder.
„Wir stehen auf der Abschussliste der Geschichte!“
Der Dramatiker und Kulturphilosoph Kurt Becsi verknüpft die politischen Komponenten, die zum Ersten Weltkrieg führten, mit der inneren Befindlichkeit Franz Ferdinands kurz vor dessen Ermordung. Alles steuert auf die Katastrophe hin. Besci spielt mit der Möglichkeit, die Geschichte umzuschreiben, aber es passiert nicht. Der Thronfolger ist eine Marionette im politischen Fadenkreuz sich bekämpfender Kräfte. Er ist zu tief verwurzelt in seinem Weltbild der vereinten Monarchen und kann sich den entgegengesetzten revolutionären Strömungen, die ein Umdenken zur Demokratie fordern, nicht nähern. Zwischen Vision und historischen Fakten zeigt Becsi einen Menschen, der um seine Machtlosigkeit weiß und sein Ende ahnt, und im besten Gewissen seine Haltung bewahrt. Er kann von seiner Theorie, einen Krieg zu verhindern, nicht abweichen. Becsi gibt ein atmosphärisches Stimmungsbild über den Untergang der Monarchie und deren letzte Machthaber wieder.
ausführliche Beschreibung
Ein Appartement im Hotel Bosna in der Nähe von Sarajewo. Es ist der Abend des 27. Juni 1914, der Ausklang eines drückend heißen Tages, der Vorabend und die Nacht vor jenem Datum, das in die Geschichte eingehen wird.

Erzherzog Ferdinand hat sich nach der Teilnahme an den Manövern mit seiner Gemahlin Sophie, Herzogin von Hohenberg, zurückgezogen. Der Erzherzog bespricht mit Oberhofmeister Baron Rumerskirch die Programmpunkte des nächsten Tages und sinniert mit General von Hötzendorf über Wien, die in Lethargie versinkende Monarchie und das Mysterium um das menschliche Wesen. Hötzendorf wird am nächsten Tag abreisen, der Thronfolger hätte die Möglichkeit mit ihm zu fahren, doch er sieht es als Flucht.

Der Aufenthalt des Thronfolgerpaares in Sarajewo, just am St.Veitstag, dem serbischen Nationalfeiertag, ist äußerst umstritten. Die serbische Bevölkerung empfindet den Besuch in höchstem Maße provokant. Die Gemüter sind erhitzt. Hötzendorf drängt auf eine Veränderung des Programms, da die Sicherheitsmaßnahmen gering sind. Der militärische Schutz fehlt laut Protokoll. Außerdem möchte man die Loyalität der Bevölkerung nicht anzweifeln. Franz Ferdinand ist verunsichert. Hat ihn Potiorek, der Gouverneur von Bosnien-Herzegowina eine Falle gestellt? Und gibt es nicht genügend Personen in Wien, die ein Attentat und damit einen Krieg am Balkan heraufbeschwören? Franz Ferdinand hat eine nächtliche Vision. Auch Sophie hat Albträume und spürt die Gefahr. Ein Unbekannter steht plötzlich im Raum und drängt die kaiserliche Hoheit zum Umdenken. Ist er eine Erscheinung, ist er real, oder ein Bild der inneren Zerrissenheit des Thronfolgers?

Am nächsten Tag, dem 28. Juni 1914 ist Kaiserwetter. Das Thronfolgerpaar macht sich bereit, das Volk wartet auf den Straßen. Der Student Gavrilo Princip auch. Man hört Schüsse.