Ein schmerzhaftes Stück über Angst und Isolation, ein sprachliches Meisterwerk.
„Meistens sagte die Mutter, bis zur Hochzeit würde alles wieder gut. Der blaue Fleck auf meiner Seele, der ginge wieder weg! Aber da hat sie mich angeschwindelt. Nichts ist gut und nichts wurde gut, …“
Zehn Kinder hat die Mutter gehabt, sieben Buben, zwei Mädchen. Beim letzten ist sie sich nicht sicher. Es ist anders als seine Geschwister. Die sind der Mutter auf dem Kopf herumgetanzt, ha-
ben ihr die Nachrede ruiniert. Das zehnte Kind hat sogar bei der Hausarbeit geholfen und sich selbst Märchen vorgelesen. Angst hat es gehabt und sich wochenlang unter dem Mutterschurz
versteckt. Seine neun Geschwister hatten Angst vor der Katakombenschule und den Nachbarskindern. Dieses Kind hatte Angst vor dem Fallen, Angst vorm Sterben-Müssen und vor allem
Angst vor dem Nicht-am-Leben-Sein.
ausführliche Beschreibung
Die Mutter lebt mit dem letzten Kind im Haus. Das Kind baumelt am Seil über dem Laufstall. Ein Panoramafenster haben die anderen neun der Mutter geschenkt, damit das alte Scheit rausschauen kann. Und die beiden Nachbarinnen reinschauen. Die im linken Haus ist wirklich eine Linke. Im weißen Kleid reicht sie der Mutter den Arm zum Einhängen. Sie glaubt immer noch, dass sie einen ehelichen Aufpasser abkriegt. Die Witwe daneben lebt nicht zufällig im rechten Haus. Sie hat ihren Aufpasser schon ins Grab gebracht. Im schwarzen Kleid sieht sie bei der Mutter nach dem Rechten. Die Mutter traut ihnen nicht. Die sagen, dass sie sich ihr zehntes Kind einbildet. Weil sie ihre Tabletten wieder nicht richtig eingenommen hat.
Braut und Witwe sind für die Fütterung zuständig. Die Kinder haben das teure Essen auf Rädern abbestellt. Die sieben Buben sind hinter dem siebten Berg von links verschwunden. Die Mädchen reden nicht mehr mit dem alten Scheit, weil es immer nur sein frei erfundenes Kind vor sich hertragen wollte. Damit es nicht doch einmal aus dem Fenster fällt. Direkt in den Bus hinein, auf den Braut und Witwe schon warten. Damit sie wegfahren zur roten Sängerin. Das verwunschene Scheit mit seinem eingebildeten Wunderkind hinter sich lassen. Endlich rauskommen aus sich und ankommen in sich. Hinein ins hemmungslose Saufvergnügen.
Das Kind verehrt die rote Sängerin, die immer so froh ist, am Leben zu sein. Es will ihren Weg gehen. In einem Bombenkleid. Vielleicht geht der blaue Fleck auf der Seele dann doch noch weg. Für die Sängerin belegt es sogar einen Sprachkurs. Damit es endlich rausfindet aus der Muttersprache. Nicht länger ihr zu Tode Erinnertes ist. Sein Fallen in den Griff bekommt. Kann die Mutter das Kind, das es nicht gibt, zurückhalten? Indem sie es verleugnet?
"'antimortina' verhandelt die Themen Angst, Isolation und Einsamkeit. Dabei geht es weniger um Angst im Sinne klinischer Phobien, als um Angst als existenziellen Motor menschlichen Tuns und Seins. Fünf Figuren durchlaufen an einem endlos scheinenden Tag teils düstere, teils absurde Szenen und arbeiten sich schließlich zur zentralen Fragestellung vor: War und ist man sich selbst die größte Angst?
'antimortina' ist auch eine Hommage an das Werk des Südtiroler Künstlers Karl Plattner (1919 – 1986). Es geht mir aber nicht um die „Untertitelung“ seiner Bilder, vielmehr möchte ich Karl Plattners Werk auf sein dramatisches Potenzial abklopfen, in seine Bilder eintauchen, wiederkehrende Figuren aus seinem Werk herauslösen, sie in Beziehung zueinander setzen, und den tiefschwarzen Humor betonen,
der immer auch aus seinen Bildern spricht." (Martin Plattner)