Die Erben

Martin Plattner

Martin Plattners schonungslose Darstellung vom ewigen Kampf um Hab und Gut.
Der Platzhirsch war der Wirt im Dorf, der Talkaiser der Bürgermeister, der Kauz der Aushilfsmesner. Er war schon immer der Prellbock. Jetzt sitzen die alten Herren im Pflegeheim ihre verbliebene Lebenszeit ab. Die zukünftigen Erben schleichen heran. Den Kauz besucht niemand, er ist kinderlos. Seine verstorbene Frau Thresl erscheint und spult die Zeit durch Geisterhand vorwärts und rückwärts. Die Intrigen der Vergangenheit kommen ans Tageslicht. Wer hat das epochale Stauseeprojekt des Talkaisers zum Scheitern gebracht? Und wer hat dem Platzhirsch die goldene Speisekarte wieder aberkannt? Beim Jüngsten Gericht treffen sie alle zusammen. Ihre Mäuler kriegen sie noch lange nicht voll.
ausführliche Beschreibung
Der PLATZHIRSCH, ehemaliger Dorfwirt, und der TALKAISER, ehemaliger Bürgermeister, verbringen einen verkehrsberuhigten Lebensabend im Altersheim. Blutzucker messen, Windelhosen wechseln und Altengymnastik, das sind die aktuellen Tagesgeschäfte der einst so mächtigen Männer. Der PLATZHIRSCH und der TALKAISER tun das, was sie immer getan haben: Sie streiten. Und wenn ihnen nichts mehr einfällt, muss der KAUZ herhalten. Der war seit jeher der Prellbock im Ort. Mit Ach und Krach hat er die Pflichtschule geschafft. Als Aushilfsmesner war er auch eine Niete. Nach dem Tod seiner Gattin Thresl sitzt er im Heim seine Lebenszeit ab. Im Gegensatz zu seinen honorigen Mitbewohnern hat er keine Kinder. Manchmal schneien die zukünftigen Erben vom TALKAISER und PLATZHIRSCH herein.

Den KAUZ besucht niemand. Er hat nur seinen Kanarienvogel, den siebenten und letzten in der Galerie seiner gefiederten Vorgänger: die Thresl, singende Namensvetterin seiner verstorbenen Frau. Der Thresl- Vogel singt das Lied von den schweren Zeiten. Die Thresl-Frau war Zahlkellnerin beim PLATZHIRSCH, obwohl sie so für das Theater gebrannt hat. „Gezwitschert“ hat sie angeblich auch. Jetzt steht die Tote
hinter dem verwitweten Gatten und lenkt geisterhaft das Geschehen. Als Zeichen ihres unsichtbaren Erdengastspiels lässt sie einen Goldzahn zurück. Sofort stürzen sich der PLATZHIRSCH und der TALKAISER auf den wertvollen Zahnersatz. Im Tausch gegen den Thresl-Vogel, den sie wegen Lärmbelästigung konfisziert haben, gibt ihn der KAUZ her.

Die Erben schleichen heran. Die jüngste Tochter des TALKAISERS bringt dem Vater das ehemalige Modell seines gescheiterten Stauseeprojekts. Und der älteste Sohn des PLATZHIRSCHEN beglückt den Papa mit der „goldenen Speisekarte“, in Erinnerung an das erfolgreichste Jahr seiner Wirtkarriere. Das scheint der Pflegerin, die von den eingefleischten Patriarchen abwechselnd Monika, Milica und Gülcan gerufen wird, verdächtig. Denn die gierige Brut fragt dauernd nach, ob die Monika, Milica oder Gülcan nicht ein Sparbüchel gefunden hätte in den Hosentaschen und befehlen das genaue Durchsuchen sämtlicher Jackeninhalte. Da muss doch was sein, was nur ja nicht in andere Hände als die ihren fallen darf.

Die überirdische Thresl-Frau spult vorwärts und rückwärts. Sie klagt über die unglückliche Ehe mit dem KAUZ. Dunkle Geheimnisse werden gelüftet. Wie war das mit dem epochalen Stauseeprojekt vom TALKAISER? Die eigene Tochter hat eine Bürgerinitiative gegen das angestrebte Lebenswerk des Vaters gestartet: Seele statt Stausee! Und wer hat die „goldene Knödelkarte“ vom PLATZHIRSCH boykottiert?
Der sollte für den blöden Stausee drei Hektar Land hergeben. Dort plante der PLATZHIRSCH aber eine Schirmbar für seinen Junior. Und diese Missgeburt wollte lieber studieren. Wer hat wen protegiert oder vernichtet? Die Zerstörung geht bis in die Blutsverwandtschaft. Vor dem Jüngsten Gericht treffen sie alle zusammen. Die Mäuler sind nicht vollzukriegen. Der Kampf ums Hab und Gut hat noch lange kein Ende.

Martin Plattner demaskiert seine Figuren auf den ersten Blick. Er entlarvt sie mit jedem Wort. Er überführt sie bei der kleinsten Geste. Absurd komisch in blanker Grausamkeit, zeigt er in der Struktur eines Dorfes das Gefüge der ganzen Gesellschaft. In monströser Wortgewalt wüten die Lebenden und die Toten. Das Wechselspiel von Vergangenheit und Gegenwart und die Vervielfältigung von Figuren, als dramaturgische Zaubergriffe, legen den Kern der Handlung frei. Das sorgsam Verborgene, das langjährig Verschüttete, das tunlichst Verschwiegene treten hervor.
3D 5H
Schauspiel
UA: 14.06.2018, Festival Stummer Schrei, Zillertal