Scharlachrot

Bernhard Görg

Das beklemmende Innenleben eines Menschen, der in der Gesellschaft Macht und Autorität hat.
Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Und das ist beim angesehenen Richter Carl Friedrich Langmann die Mutter. Seine Kindheit war geprägt von Strenge und Disziplin. Heute erwartet er eine Frau.
ausführliche Beschreibung
Er ist ein so angesehener wie gefürchteter Richter. Carl Friedrich Langmann. Sohn eines prominenten Juristen, tritt er in die Fußstapfen des Vaters und bringt es noch weiter. Doch hinter einem erfolgreichen Mann steht bekanntlich eine starke Frau, und das war und ist seine Mutter. Schon den Vater hat sie zu dem gemacht, was er geworden ist, und da wäre noch mehr drin gewesen. Der Filius, Carl Friedrich, benannt nach dem berühmte Juristen Savigny, sollte die Karriereleiter noch höher klettern. Und das tut er, wenn auch die Luft oben immer dünner wird und er allein ist. Seine Frau hat ihn ja bereits verlassen. Aber die konnte der angebeteten Frau Mama ohnehin nicht das Wasser reichen. Hat sich das Vertrauen der ehrwürdigen Familie erschlichen und dann ihr wahres Gesicht hervorgekehrt.

Seine Kindheit war geprägt von Strenge und Disziplin. Das weiß er heute zu schätzen. Es gäbe weit weniger Straftäter, hätten mehr Kinder eine Mutter gehabt, bei der Perfektion und Präzision oberste Priorität haben. Und die selbst vorbildlich nach diesen Prinzipien lebt und handelt. Auch hatte nicht jedes Kind ein vom eigenen Vater verfasstes Kinder- Strafgesetzbuch zur Orientierung. Jedes Vergehen hatte seine Vergeltung. Er ist dankbar für die elterliche Strenge, denn heute steht er besser da als viele andere. Seine ehemaligen Klassenkollegen etwa, die seine Wahl zum Klassensprecher immer vereitelt hatten und ihm nach einem eimaligen Ausrutscher einen Stein in den Weg legen wollten.

Bei einer Schülerparty hatte er dieser Johanna unter den Rock gegriffen. Die brach dann in hysterisches Geschrei aus und drohte ihm wegen sexueller Belästigung mit Meldung bei der Schuldirektion. Eine interne Gerichtsverhandlung innerhalb der Klasse konnte den Rauswurf verhindern. An die Katastrophe zu Hause will er sich gar nicht mehr erinnern. Hätte es sowohl ihm als auch dem berühmten Vater die Karriere kosten können. Orangen-haut-Charley nannten sie ihn seither. Er, der Cellulitis bei Frauen so wie seine Mutter hasst, brachte zur Verteidigung nicht erotisches sondern dermatologisches Interesse hervor. Er habe mit seinem Kennerblick nur die Beine der Johanna auf potentielle Orangenhaut begutachten wollen. Heute ist das alles verjährt, heute ist er Richter Gnadenlos.

Heute hat Carl Friedrich Geburtstag. Und ein Rendevous. Man darf ja gespannt sein auf die Dame. Das Bild im Katalog ist ja ganz passabel. Aber nach den schlechten Erfahrungen mit Frauen und speziell mit seiner Ex-Frau will er sich nicht zu viel erwarten. Die einzige und beste ist und bleibt ohnehin seine Mutter. Er bügelt seine Hosen, er arrangiert die Rosen. Und wirft sich seine scharlachrote Robe über. Ein Geschenk von der Frau Mama. Es läutet. Aha, erstaunlich. Eine Frau, die pünktlich ist. Er öffnet die Tür. Sie ist da…
1H
Monolog
UA: 15.5.2018, Neue Bühne Wieden, Wien