Als wir unsere Blockflöten verbrannten

Mario Wurmitzer

„Mit uns ist alles in Ordnung ganz bestimmt die Jugend ist glücklich“
Ein Klassenzimmer. Ein Lehrer. Vier Schüler*innen, mit Spritzpistolen, Steinschleudern und Sprache bewaffnet. Manuel will zum Meer gehen und sich umbringen. Sein Vater ist vor kurzem gestorben. Die anderen wollen mit ihm ans Meer. Vergeblich versucht der Lehrer sie aufzuhalten.
Am Strand angekommen, wissen die Schüler*innen nicht, was sie tun. Wie sollen sie die Zukunft füllen, die sich vor ihnen auftut? Sollen sie saufen, miteinander schlafen oder Krieg spielen? Was sollen sie mit ihrem Lehrer anfangen, der nicht aufhören kann, sich um sie zu kümmern. Sollen sie ihn zusammenschlagen, verführen oder aufs Meer hinausschicken?
ausführliche Beschreibung
Vier Schüler*innen: Manuel, Else, Jessica, Ben. Ein namenloser Lehrer, der von ihnen verhauen wird. Seine Visionen scheitern im Vorfeld. Seine Verbote werden überhört. Sie bewegen sich zwischen dem Klassenzimmer, dem Ort der realen Anforderungen und dem Strand am Meer, dem Ort der Sehnsucht, der Zukunft. Und des Untergangs.

Die Vier tragen die Verluste ihrer Eltern in sich. Manuel hat sich nach der Beerdigung seines Vaters Brandwunden zugefügt. Er will zum Strand gehen und sich im Meer umbringen. Oder doch nicht. Else behauptet, dass sie einander begehren. Bis sie sich eben ändern würden. Elses Mutter ist bereits beim Kauf einer Packung Ovomaltine überfordert. Else wäre gern mit acht Jahren zum Militär gegangen. Sie soll Schach spielen. Jessicas Vater ist voller Hass und rammt die Leute mit seinem Einkaufswagen. Jessica schlägt gerne jemanden zusammen, wenn sie wütend ist, oder sie trinkt Tee. Bens Großvater war zumindest im Krieg und kann von den Russen erzählen. Ben will als Ben groß rauskommen. Der Lehrer will, dass alles in Ordnung ist. Er spielt Jo-Jo, redet mit dem Klassenfoto. Lastenträger, keine Last will er sein. Sie haben sich auf dem Boden der Defizite eingerichtet und erfinden ihre Lebensgeschichten. Sie lügen und leben im Konjunktiv. Dass sie angeblich kaputt sind, ist doch nichts Neues. Schon ok. Die Jugend ist glücklich. Sie spielen in Gedanken mit Liebe und Selbstmord. Doch nichts tritt ein. Weder die Liebe noch der Selbstmord.

Sie haben Ideen, die sie sogar verwirklichen wollen: Aus mit der Schule und hinein ins Geschäftsleben. Beim Lagerfeuer werfen sie die Blockflöten ins Feuer. Jessica kann gut zuhören, sie könnte eine Beraterin sein. Manuel kann Menschen manipulieren, er könnte PR machen. Und Ben hat überhaupt einen Haufen Lebenslust. Er will eine Eigentumswohnung und nur noch mit netten Menschen reden. Nachts am Strand verabschieden sie den Lehrer. Sie schieben ihn auf einem brennenden Boot ins Meer. Dem Tode entgegen. Ein Ritual. Doch der Lehrer hält sich nicht daran und kehrt zurück. Sie schauen auf Meer hinaus.

Mario Wurmitzer vermeidet erklärende Inhalte. Ein Satz erzählt eine ganze Geschichte, der folgende storniert den vorangegangenen. Keine Behauptung überlebt die nächste, weil längst alles anders ist und nie so gemeint war. Eine Momentaufnahme, die jede Festlegung verbietet.
Man sucht nach Identitäten, aber keine passt. Man will etwas, lässt aber nichts an sich heran. Hinter Ironie und cooler Ablehnung stehen Abgründe, die sich nicht benennen lassen. Nur keine Sentimentalitäten. Sie tun nur so als hätten sie keine Träume. Nichts ist ernst gemeint, alles ist in Ordnung, keine Angst. Sie gehen nur saufen.
„Mario Wurmitzer setzt uns keine Erklärungen vor, er pflanzt keine Wegweiser auf. Dafür gestaltet er in seinen knappen Dialogen eine flirrende Stagnation, in der die Latenz von Tod und Gewalt mitschwingt, aber auch Spiel und Witz und Lebenslust.“
Anna Opel, Laudatio Berliner Brüder-Grimm-Preis
2D 3H
Schauspiel
Ausgezeichnet mit dem Berliner Brüder-Grimm-Preis 2015
UA: 07.10.2022, Universität Studiobühne Paderborn