Das Vertrauen in Bauchmuskeltrainingsgeräte

Mario Wurmitzer

Drei Figuren im wechselseitigen Machtspiel. Lena, Max und Friedrich. Sie sind dort, wo sie nie hinwollten. Ihr erklärtes Ziel ist die Erreichung eines Normalzustandes. Lena ist Texterin und soll für Friedrich eine Trauerrede schreiben, die er zur Beerdigung seines besten Freundes halten will. Der Verstorbene hatte eine Vorliebe für Bauchmuskeltrainingsgeräte. In Friedrichs Villa, die eine Trümmerlandschaft des gelebten Erfolgs ist, treffen sie einander zur Besprechung. Max ist in Lenas Schlepptau und weicht nicht von ihrer Seite. Er will sich Lena unterordnen, nicht mehr für sich verantwortlich sein. Friedrich hofiert Lena mit seinem Reichtum. Und dann behauptet er, Max geköpft zu haben…
ausführliche Beschreibung
Im Laufe des Arbeitsgespräches nehmen Max, Lena und Friedrich in absurden Sprüngen Besitz voneinander. Sie spielen die gängigen Muster der Annäherung und loten anerkannte Hierarchien aus. Bald stellen sie fest, dass sie alle drei am sogenannten Glück vorbeigeschossen sind. Da, wo sie sind, wollten sie nie hin. Ein Wettlauf zur Herstellung eines gewünschten Normalzustandes beginnt. Max wäre es lieber, wenn er sich nicht mehr um sich kümmern müsste. Wenn ihm diese Aufgabe jemand abnehmen würde. Lena möchte endlich professionell sein, aber es gelingt ihr nicht, ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Friedrichs aussichtsloser Kampf gegen die Einsamkeit endet in Gewalt, weil sich Nähe seiner Ansicht nach sehr gut erzwingen lässt. Bis zur Geiselnahme.

Max unterstellt sich Friedrichs Befehlen, weil Lena ihn ohnehin ablehnt. Er bekommt die Selbstaufgabe aber nicht ganz hin und begehrt immer wieder auf. Immerhin ist die große Anarchistin Pippi Langstrumpf sein Vorbild. Friedrich wiederum hofiert Lena mit seinem Geld. Immer wieder kommt ein Schwert ins Spiel. Als Androhung von Gewalt oder zur Verteidigung. Plötzlich scheint es ernst zu werden. Friedrich behauptet, Max geköpft zu haben. Der Kopf ist aber noch dran. Als Max scheinbar leblos vor ihr liegt, steigert Lena sich in Gefühle, die sie nie hatte. Dieses authentische Gefühl der Trauer will Friedrich in der Totenrede spüren, die immer noch nicht geschrieben ist.

Natürlich hat Max die Gelegenheit genutzt, sich wieder einmal tot zu stellen. Diesmal, meint er, hat Lena ihm geglaubt. Der Streit um geltende Wertigkeiten eskaliert. Friedrich steigert sich in die Rolle des Tyrannen und fesselt seine Gäste. Dann bindet er sie wieder los und fordert sie zum Körpertraining auf, um sie in ein besseres Leben zu führen. Lena und Max erkennen, dass die Zeit gekommen ist, nicht nur über Widerstand zu reden. Sie fesseln Friedrich ohne Gegenwehr und nehmen die Gelegenheit beim Schopf, sich ein erfolgreiches Leben vorzustellen. Am besten gleich in dieser Villa. Kurz vor der Erreichung eines Normalzustandes springen alle wieder ab. Keiner will für den anderen zuständig sein. Lena geht. Der gefesselte Friedrich bleibt mit Max zurück. Er bindet ihn nicht los. Sein letztes Wort ist Nein.

Mario Wurmitzers Figuren nehmen in jedem Satz Anlauf und legen am Ende eine Bruchlandung hin. Dann stehen sie wieder auf und versuchen es von einer anderen Richtung. Sie stellen ernsthaft Behauptungen auf und demonstrieren im selben Moment ihre Unglaubwürdigkeit. Sie kokettieren mit dem Anderssein und treten beharrlich auf der Stelle. Sie kämpfen gegen den Leistungsdruck, während sie gleichzeitig hurtig an der Selbstoptimierung arbeiten. Normierte Glücksvorstellungen werden lässig in Frage gestellt, scheinbar unumstößliche Normalitätskonzepte als Sackgasse entlarvt. Bevor sie sich festlegen, wechseln sie lieber in den Konjunktiv. Ganz nebenbei plaudern sie von Fitness- und Entspannungsübungen und sind sich nicht sicher, ob sie nicht doch auch so etwas
wie Liebe suchen.