werktags. 21 Minuten

Eine Pendlergeschichte in vierzehn Szenen

Katrin Wiegand

„Vielleicht hatte ich ja auch einfach gehofft, jemand anderes würde sich vor Ihnen auf diesen Platz setzen.“
Linn und Oliver begegnen sich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit im Zug. Für genau 21 Minuten. Aus anfänglicher Antipathie wird bald Sympathie, aus Sympathie Anziehung. Doch beide leben in festen Beziehungen und wollen diese Beziehung nicht aufs Spiel setzen. Auf die morgendlichen 21 Minuten wollen sie allerdings auch nicht verzichten …
ausführliche Beschreibung
Linn und Oliver lernen einander im Pendlerzug kennen. Jeden Morgen dieselbe Strecke im selben Abteil. Werktags, 21 Minuten Fahrzeit, während der sie sich näher kommen. Am Anfang eher zögerlich. Linn geht Oliver, der in Ruhe lesen will, mit ihrer dröhnenden Musik aus den Kopfhörern spürbar auf die Nerven. Doch aus dem spröden Dialog entwickelt sich bald eine Ahnung von mehr. Das wollen sie natürlich nicht wahrhaben, denn was nicht sein darf, ist auch nicht. Beide leben in festen Beziehungen. Und beide sind nicht mehr in dem Alter, in dem man solche Beziehungen leichtfertig aufgibt. Schon gar nicht wegen einer oberflächlichen Zugbekanntschaft. Doch ist sie wirklich so oberflächlich?

Als Oliver einmal nicht, wie schon gewohnt, neben ihr Platz nimmt, ist Linn gereizt und weiß gar nicht warum. Sie will nicht zugeben, dass Oliver längst einen Platz in ihrem Kopf erobert hat, den er gar nicht einnehmen dürfte. Auch Linn arbeitet in Oliver Gedanken, über die Zugfahrt hinaus. Die Gefühle bahnen sich ihren Weg. Täglich pflegen sie ihr verbales Geplänkel, mit dem Alibi, dass sie ja nur zur Arbeit fahren. Und dann heißt es: Guten Morgen, Ihre Fahrkarten bitte, und sie müssen ohnehin aussteigen.

Das Hin und Her der flatternden Worte vertieft sich. Hinter den spitzen Neckereien wächst die Zuneigung. Langsam müssen sich beide eingestehen, dass sie gern miteinander streiten und die täglichen Begegnungen ihr Herz höher schlagen lassen. Naja, so glücklich, wie sie dachten, sind sie ja gar nicht in ihren gut funktionierenden Beziehungen. Das heißt: schon, aber...Und die scheinbar zufällige Begegnung hat ihnen das bewusst gemacht. Was jetzt?

Wissbegierig entlocken sie einander die Einzelheiten ihrer Lebensumstände. Bei Oliver gibt es eine Miriam, bei Linn einen Bernd. Beide sind tolle Partner. Sympathisch, gutaussehend, genau im richtigen Maß perfekt. So jemanden will man weder betrügen noch verlassen. Doch die Versuchung steigt, und die Vernunft schwindet dahin. Was wäre die Konsequenz? Nicht mehr Zugfahren? Oder doch ein harmloses Treffen in einem Kaffeehaus?

Wie so oft im Leben kommt es so, wie es kommen soll. Oliver wird beruflich in eine andere Stadt versetzt. Heißt das Endstation für die täglichen 21 Minuten? Sie springen über ihren Schatten und verabreden sich nach anfänglich Verweigerungen doch. Jetzt kann ja nichts mehr passieren. Und es kommt, wie es eben kommen musste. Am nächsten Tag ist Olivers letzte Fahrt. Und wieder einen Tag später sitzt Linn alleine im Zug. Sie lächelt.

Katrin Wiegand greift mit ihrer bezaubernden Zuggeschichte mitten ins Leben. Aus einer alltäglichen Zufallsbekanntschaft, die bald nicht mehr zufällig ist, wird mehr. Und der Reiz, die andere Person zu erobern, kämpft mit dem Wissen, dass man diesen Schritt nicht machen wird. Oder doch?