Die Minderleister

Peter Turrini

"Der Markt steht über den Menschen. Er folgt nicht ihren Gesetzen er folgt seinen eigenen."
„Die Minderleister“, um die es Peter Turrini in seinem Stück geht, arbeiten in einem Werk der krisengeschüttelten Stahlindustrie. Soziale Existenzangst hängt über den Leuten. Personalabbau droht nicht mehr nur, sondern erfaßt als ersten Hans, Schmelzers tüchtigsten Mann. Als auch noch dessen Frau Anna ihre Arbeit verliert, schwinden die Träume vom kleinen Glück mit neuem Kinderzimmer und der Reise zu den Malediven. Die Hilflosigkeit von Hans und Anna wächst. Die Angst vor Armut treibt Anna in die Arme eines Pornofilmers, bei dem sie sich als Sexobjekt verkauft. Aufwärts scheint es erst wieder zu gehen, als Hans dank der Gnade eines Ministers in seinem Werk wieder eingestellt wird. Doch seine Zeiten als Stahlarbeiter sind vorbei.
ausführliche Beschreibung
Der Stahlkocher Hans soll im Zuge einer Rationalisierungswelle nach zehnjähriger Betriebszugehörigkeit entlassen werden. Eine seiner Arbeitszeit entsprechende Abfertigung soll diese strukturbereinigende Maßnahme begleichen. Als er in der Kantine randaliert, erfolgt die fristlose Kündigung.
Seine Frau Anna, die ebenfalls von ihrer Firma „freigestellt“ wird, versucht den finanziellen Absturz zu stoppen. Um den Traum vom Glück aufrechtzuerhalten, verdingt sie sich in dunklen Hinterzimmern als Porno-Darstellerin. Das Sex-Video landet in den Händen ihres Mannes, der mit Hilfe seiner Kollegen brutale Rache an dem Schmuddelproduzenten nimmt. Als Hans unter Anklage steht, tritt er die Flucht nach vorne an und wendet sich an den zuständigen Minister. Dieser bewirkt aus einer sozialromantischen Anwandlung heraus die Wiedereinstellung des Bittstellers in der Stahlfabrik. Hans kehrt aber nicht an seinen alten Platz in der Produktion zurück, sondern fungiert als Aufpasser unter seinen ehemaligen Kollegen. Er soll als Werkspitzel die Kündigungslisten für die als „Minderleister“ Verdächtigten in der Fabrik führen. Von den alten Kumpeln geschnitten, setzt er sich selbst auf die Liste und beendet sein Leben mit einem selbstmörderischen Sprung in den Hochofen.

Turrini erzählt mit brachialer Wucht vom einzelnen Arbeitslosen, vom Normalfall unter Tausenden, über dessen Leben „der Markt“ als eine Art Damoklesschwert schwebt. Er beschränkt sich nicht auf Kleine-Leute-Miniaturen in der engen Wohnküche, sondern vergrößert seine Figuren durch die Sprache ins Exemplarische: „Ich wollte den sogenannten kleinen Leuten große Aufmerksamkeit verschaffen, indem ich ihnen eine große Form gebe.“

Turrini sprengt den Rahmen des Dialekts und bedient sich der Hochsprache bis hin zum Vers. Er erfindet die Figur des Werksbibliothekars „William Shakespeare“, der als bitter-zynischer Chronist durch das Geschehen wandert. Ähnlich dem Chor in der griechischen Tragödie bleibt seine mahnende Stimme unter den Stahlwerkern, die sich in Konsum und Porno flüchten, ungehört.
„Was bedeutet der Verlust eines Arbeitsplatzes in einer Gesellschaft, welche die Arbeit als wichtigsten Ausdruck menschlichen Seins betrachtet. Ein Mensch, der nicht arbeitet, ist kein Mensch. Was bedeutet diese Ideologie, die nicht nur eine verordnete ist, sondern eine persönlich empfundene in einer Gesellschaft, die immer weniger Menschen Arbeit geben kann. Es ist schwer für die Betroffenen, gegen die öffentlich vermittelten Bilder ihre eigene Wirklichkeit zu setzen.“
Peter Turrini