Eine heikle Sache, die Seele

Dimitré Dinev

„Die Männer halten heutzutage aber gar nichts mehr aus. Sie sind so vergänglich.“
Ein bulgarischer Bauarbeiter stirbt bei einem Arbeitsunfall – doch seine Seele darf den Weg ins Jenseits nicht antreten, weil das Geld für den Fährmann fehlt. Währenddessen feiert die Trauergemeinde ausgelassen Totenwache: Zwischen Klagegesang, Wodka und Tanz verschwimmen die Grenzen von Leben und Tod.
ausführliche Beschreibung
Der bulgarische Bauarbeiter Nikodim Stavrev ist fern der Heimat verunglückt. Ein Eimer mit Mörtel, der ihm auf den Kopf fiel, hat seinem Leben ein jähes Ende bereitet. Das Glück im fremden Land währte kürzer als die heißbegehrte Aufenthaltsgenehmigung. Charon verweigert Nikodim, der auch als Verblichener an chronischem Geldmangel leidet, den Übergang ins Totenreich. Die Witwe Pavlina beschließt, ihren Gatten mit einer Totenfeier zu verabschieden. Damit der armen Seele Nikodims kein Unheil geschieht, muss sein Körper bewacht werden.

Sie lädt vier Arbeitskollegen Nikodims in ihre Wohnung und engagiert ein professionelles Klageweib. Während Pavlina die Kinder zu einer Freundin bringt, sollen die trauernden Kameraden mit Unterstützung einer ukrainischen Stripperin den Aufgebahrten bewachen. Nikodims Kumpel verbringen eine schnapsnasse Nacht mit seiner sterblichen Hülle und beklagen lautstark sein tragisches Ende. Mit zunehmendem Alkoholgenuss entwickelt sich die ungewöhnliche Verabschiedung zu einem dionysischen Mysterium, in dem der Tote belebt und die Lebenden totenbleich werden und die Grenzen zwischen Leben und Sterben immer mehr verschwinden.

Was ist das für eine heikle Sache mit der Seele, und wie können wir über sie sprechen? Sie bildet in diesem nach Dinevs Erzählung „Die Totenwache“ dramatisiertem Stück das einvernehmlich Unausgesprochene, sie nährt die gemeinsame Melancholie, das Wissen, dass der Tod allgegenwärtig ist. Und dann, wo ist sie dann?
3D 6H
1 Dek.
Schauspiel
UA: 2008, Volkstheater Wien
DEA: 21.11.2015, Thüringer Landestheater Rudolstadt