Die Wilden

(Savages)

Christopher Hampton

Die Missionierung der Ureinwohner Brasiliens in den 70er Jahren. Eines jener dunklen Kapitel in der Geschichte
Christopher Hampton hat auf dem Boden historischer Tatsachen ein vielschichtiges Drama geschaffen. Der englische Diplomat und indiansiche Sagenspezialist Alan West wird von Guerillakämpfer Carlos entführt. In Rückblenden erfährt man Wests Geschichte parallel zur Ausrottung der Cintas Largas-Stämme. Neben den Interessen ausländischer Investoren und der Offenlegung der Verbrechen des Indianer-Reservatsdienstes wird klar: es geht längst nicht mehr um die Indianer. Die sogenannte Integration bedeutet Vernichtung.
ausführliche Beschreibung
Der englische Diplomat Alan West, Spezialist für indianische Sagen, wird vom Guerillakämpfer Carlos und der dahinterstehenden Organisation, dem Movimento Revoluciario Brasileiro, entführt. Ziel der Aktion ist die Freilassung von 25 politischen Gefangenen und ein Flugzeug nach Kuba. In Rückblenden wird Wests Geschichte parallel zur Ausrottung der Cintas Largas-Stämme erzählt. Dabei bringt Hampton einen Anthropologen, einen Major und einen Missionar ins Spiel und zeigt West in seiner Zerrissenheit zwischen Kapitalismus und Poesie. Die Handlung zwischen Gegenwart und Vergangenheit wird immer wieder auf die Konfrontation von Carlos und West in der Zelle fokussiert.

Im Laufe der Geiselhaft entwickelt sich ein persönliches Verhältnis zwischen Opfer und Entführer. Sie spielen Schach und führen konspirative Gespräche. Doch die aufkeimende Sympathie täuscht. Der Kapitalist und Liebhaber indianischer Mythen, der seiner Regierung wohl das geforderte Lösegeld nicht wert war, wird am Ende von seinem Entführer erschossen. Carlos agiert als Handlanger, die Täter stehen als Organisation dahinter. Wie auch beim Massaker an den Indianern, deren Vernichtung von keiner Seite verhindert wird. Die „Wilden“ sind sie erst nach der Zerstörung ihrer Ordnung, nach der Beraubung ihrer Lebensgrundlage. Dahinter stehen die Interessen ausländischer Investoren in Verbindung mit den Verbrechen des Reservatsdienstes, dessen Methoden im Verhör Ataide Pereias, das sich an ein authentisches Tonbandprotokoll hängt, gezeigt werden. Die Indigenen selbst werden auf beiden Seiten zum Randproblem, für das es keine Lösung gibt. Weder von Seiten des intellektuellen Mythensammlers West noch vom revolutionären Carlos. Ihre sogenannte Integration bedeutet Vernichtung ihrer Identität durch Alkohol und Bomben. Die Nostalgie der indianischen Sagen weht durch das Geschehen und lässt ihre ursprüngliche Kraft als vergangen und irreparabel begreifen.

Hampton präsentiert keine Lösung, sondert verdichtet die Aussichtslosigkeit in leise Trauer, die das Stück zeitlos macht. "Es ist nämlich so, dass die Tatsachen viel irrwitziger sind, als alles, was man sich ausdenken
kann." (Christopher Hampton)
2D 3H
1 Kind, 2-3 Nebenrollen
Wechseldek.
Schauspiel
UA: 1973, Royal Court Theatre, London
ÖEA: 1974, Volkstheater, Wien
Übersetzung aus dem Englischen:
Martin Walser / Alissa Walser