Geister in Princeton

Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann erzählt in seinem poetisch-abgründigen Stück das Leben des Kurt Gödel als zeitlosen Kreis aus Genie, Wahnsinn und der Suche nach einer Wahrheit, die sich nie ganz fassen lässt.
„Man darf beim Fragen nicht zurückschrecken. Auch nicht vor dem Wahnsinn.“
Kehlmann zeichnet in seinem ersten Theaterstück die Lebensstationen des berühmten Logikers Kurt Gödel und dessen Frau Adele zwischen Wien und Princeton nach. Ein raffiniertes Spiel aus Realität, Fiktion und einer Portion Philosophie für „Normalsterbliche“. In der theatralischen Gratwanderung des Geistesgiganten, der zeit seines Lebens mit außerirdischen Stimmen kommuniziert hat, schließt sich ein Kreis von revolutionären Thesen und Selbstzerstörung durch konsequente Nahrungsverweigerung. Das Stück beginnt mit Gödels Beerdigung und endet mit den letzten Tagen vor seinem Tod. Der Zug fährt im Kreis. Jeder Moment ist für immer. Kehlmann kommt Gödels Vision vom „zeitreisenden Gefährt“ zumindest in den Sphären des Theaters verdammt nahe.
ausführliche Beschreibung
Eine Aufbahrungshalle in Princeton, New Jersey. Prof. Dr. Kurt Gödel, der größte Logiker seiner Zeit, wohnt als Geist seiner eigenen Beerdigung bei. Nur wenige Menschen sind um den Sarg versammelt, allen voran seine geliebte Frau Adele, die um ihren „Kurtsy“ weint. Botschaftsrat Strinetzky spricht posthum die Verleihung des österreichischen Staatspreises zweiter Klasse aus. Die peinliche Zeremonie wird irrtümlicherweise von Kaddisch-Klängen begleitet. Über seinen Tod hinaus wird Gödel für einen Juden gehalten. Schon als Kind von Stimmen verfolgt, steht er nun, geborgen im Nichtsein, neben Harry Woolf, dem Universitätsdirektor von Princeton, seinem Assistenten Hao Wang, und streicht Adele liebevoll über die Wange. Noch am Grab wird er von seinem Alter Ego aufgesucht und begibt sich im Rückwärtsgang auf eine Reise durch sein Leben. Für Gödel existieren Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in jedem Moment. Die Zeit als Fahrplan eines Zuges, die Ereignisse des Lebens als Stationen, an denen er hält. Wie die Orte auf der Strecke nicht verschwinden, wenn der Zug in einem bestimmten Bahnhof einfährt, so sieht Gödel das Leben als eine Reihe zeitübergreifender Geschehnisse zwischen gestern, heute und morgen.

Geboren 1906 in Brünn, führt das Kind „Kurti Gödel, dem Himmel auserkoren“, Zwiegespräche mit unsichtbaren Gestalten. Als junger Mann die Begegnung mit der verheirateten Tänzerin Adele Porkert. Er überzeugt sie, seine Frau zu werden, da sie ja bereits verheiratet gewesen waren, nämlich in der Zukunft. Er kann ohne sie nicht mehr existieren, macht ihr das gemeinsame Leben aber nicht einfach. Sie wird seine Vorkosterin, seine Beschützerin, seine symbiotische Begleiterin. Gödel als junger Physikstudent an der Wiener Universität bei den Sitzungen des „Wiener Kreises“. Sein Unvollständigkeitssatz, der die mathematische Logik revolutioniert. Die Begegnungen und Kontroversen mit berühmten Kollegen wie Moritz von Schlick. Die Ermordung Schlicks durch Hans Nelböck, bei der er sich als Zeuge auf die Ebene des Sterbenden begibt. Die Flucht vor den Nazis nach Amerika, obwohl er kein Jude ist, eine mysteriöse Zwischenstation in Sibirien, die seiner „Adsel“ und ihm beinahe das Leben kostet. Die Zusammenkünfte mit Einstein, der Gödel verehrt und mit ihm für die „Aufnahmeprüfung in Amerika“ übt. Die Zeit als Forscher am Institute for Advanced Study, sein radikaler Rückzug aus dem Leben, die Nahrungsverweigerung als logische Konsequenz seiner Angst, vergiftet zu werden. Während Adele im Krankenhaus ist, hungert sich Gödel zu Tode und stirbt, umgeben von Geistern und Untoten.

Daniel Kehlmann bedient sich Gödels These der Nichtexistenz von Zeit und Ort. Er setzt Gödels Suche nach dem zeitreisenden Gefährt nahe der Lichtgeschwindigkeit dramaturgisch brillant um und erzählt das Leben des berühmten Logikers als Kreis, der sich schließt. Das Stück beginnt mit Gödels Beerdigung und endet mit den letzten Tagen vor seinem Tod. In Rückblenden mischen sich fiktive Sequenzen als Ausdruck Gödels Besessenheit von Geistern und unsichtbaren Spezialagenten. Lebendige treffen auf Tote, Zukunft und Vergangenheit verbinden sich zu einer Gegenwart, die so ungreifbar bleibt wie die Figur Gödels.
„Die Schauspieler dürfen moderne Menschen zeigen, mit leisen Konflikten und großen Ängsten, mit Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden, mit Frust und Hoffnung und Krautfleisch … Ein erhellender Abend, der aber zum Glück nicht mit seiner Intelligenz hausieren geht. Viel Applaus.“
Kurier, 25. September 2011
„Daniel Kehlmann … erzählt in 'Geister in Princeton' mit Intelligenz, Raffinement und Gespür für theatrale Effekte die Geschichte eines radikalen Denkers, der Gespenster sieht und sie mit Vernunft nicht zu vertreiben vermag, im Gegenteil.“
Die Presse, 26. September 2011
„Wie schon in seinem Bestseller 'Die Vermessung der Welt' beherrscht Daniel Kehlmann die Kunst, schwierige wissenschaftliche Themen zu erden, sie virtuos leichthändig mit Bodenhaftung zu versehen, ohne auf Doppelbödigkeit zu verzichten.“
Kleine Zeitung, 26. September 2011
„Daniel Kehlmann hat mit seinem ersten Stück 'Geister in Princeton' ein Debüt als Dramatiker vorgelegt, das Staunen macht … wie raffiniert, leichthändig und geistreich … Daniel Kehlmann die zyklische Zeittheorie Gödels … als Konstruktionsprinzip benützt, um im Wirbel der Zeiten mit vier Gödels verschiedenen Alters das wundersame Leben des bahnbrechenden Denkers zu erzählen, ergibt alles zusammen eine launige, mit feinsinnigen Dialogen geführte Tragikomödie um Genie und Wahnsinn.“
Jurybegründung Nestroy-Preis
10 Darst.
Doppelbesetzungen
Schauspiel
Ausgezeichnet mit dem Nestroy 2012 in der Kategorie Bestes Stück - Autorenpreis
UA: 24.09.2011, Schauspielhaus Graz
DEA: 08.01.2012, Renaissance-Theater, Berlin