Hamlet hat Husten

Michael Kessler

Eine Abrechnung mit dem Regietheater
„Ich sag's ja: Manche Regisseure gehören nicht ins Theater, sondern in die Klapsmühle.“
Hamlet hustet. Und das vor der Premiere. Dabei soll er ja alle anderen 26 Rollen des Shakespeare-Klassikers auch noch verkörpern. Ein Totalausfall kurz vor der Theatersensation des Jahres. Jungregisseur Ulf tobt. Schließlich will er die Karriereleiter hinaufklettern, koste es, was es wolle. Natürlich kommt dem Theaterberserker die geniale Idee zur Rettung des Abends: Er selbst wird den verstummten Universalschauspieler ersetzen. Die Souffleuse liest den Text, er macht auf Playback. Wird er von seiner Kunst erschlagen?
ausführliche Beschreibung
Öffentliche Bühnenprobe drei Tage vor der Premiere des Shakespeare-Klassikers und die Nerven liegen blank! Das gab's noch nie: Hauptdarsteller Tim spielt im Hamlet alle Rollen. Jungregisseur Ulf macht Kunst. Aber Kunst kommt von Können und Ulf kann nix. Er inszeniert das vor ihm noch nie verstandene Drama mit ehrgeizigem Blick auf Feuilleton, Berliner Theatertreffen und begehrter Intendantenstühle. Da muss auf leerer Bühne ordentlich Text zertrümmert werden – natürlich mit „Videoinstallation“, atonalen „Klangteppichen“ und viel blutigem Fleisch: „Schwein oder nicht Schwein. Das ist hier die Frage“. Das Publikum muss leiden. Sechs Stunden Sitzhaft ohne Pause. Soll das spießige Bürgertum doch aus den Klappsesseln kippen.

Ulf läuft zu Höchstform auf. Eine absurde Idee jagt die andere. Für den Regisseur mit dem Hang zum Suizid sind Schauspieler willenlose Objekte, sie müssen gebrochen und getreten werden. So wie die übrigen Schattengestalten, die auf und hinter der Bühne zu funktionieren haben. Bühnenarbeiter sind Idioten, Regieassistentinnen sind zum Vögeln da. Schlimm nur, wenn sie das nicht nur mit dem göttlichen Spielleiter tun!

Doch dann passiert's: Nachdem Hamlet fast vom spärlichen Bühnenbild erschlagen wird, versagt ihm die Stimme und damit allen anderen 27 Figuren auch, die er dem genialen Regiekonzept nach spielen soll. Ein hartnäckiger Husten bringt Tim schon vor dem ersten Texthänger ins Schleudern. Souffleuse Inge versucht, mit ihrem bewährten Ingwertee die Stimmbänder in Gang zu bringen. Doch Hamlet pfeift aus dem letzten Loch und raucht lieber erstmal eine. Ulf springt verzweifelt an die Decke, von der schon die Rauchmelder tönen. Doch dann hat Ulf die Lösung! ER spielt Hamlet! Schließlich hat er seine Inszenierung im Kopf. Die 180 Seiten Text liest Inge ein und Ulf bewegt dazu die Lippen. Aber hält das spärliche Bühnenbild dem Hamlet-Playback stand oder wird der Regisseur von der eigenen Kunst erschlagen?

Modernes Regietheater! Im Normalfall hat das Publikum da nicht viel zu lachen, aber macht man so eine Pleiten- und Pannen-Probe selbst zum Stück, ist es die reinste Komödie! Ein größenwahnsinniger Regisseur mit psychopathischen Charakterzügen, ein willenloser Staatsschauspieler ohne Stimme in 27 Rollen, eine Souffleuse, die sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, eine multitaske Assistentin, die ihre Vielseitigkeit auch erotisch ausschöpft, und viel Blut, triefende Eingeweide und orgiastische Schlachtrufe auf der leeren Bühne. Der Schauspieler und Comedian Michael Kessler hat sich seine eigenen Theatererfahrungen von der Seele geschrieben und treibt sie auf die Spitze. Hamlet hustet, und das ist noch das kleinste Problem.