Europa und der Stier

Komödie in drei Akten

Ladislaus Fodor

Ein entthronter König, eine verträumte Prinzessin und ein Schlosshof im Schatten von Tito und den Potsdamer Beschlüssen: Zwischen verfallener Aristokratie und revolutionärem Alltag prallen Welten aufeinander. Als ein amerikanischer Kunstprofessor im Schloss einen verborgenen Tizian entdeckt, geraten Liebe, Macht und Überleben in ein absurdes Spiel. Mit scharfem Witz und politischer Satire erzählt das Stück vom Ende einer Epoche – und von der Sehnsucht nach einem neuen Anfang.
ausführliche Beschreibung
König Hieronymus XVII. und seine Tochter Prinzessin Leonora wollen sich nicht an die junge Welt jenseits des Eisernen Vorhangs gewöhnen. Nicht genug, dass der brüchig-adelige Glanz unter Titos Partisanenstiefeln endgültig zerstampft wurde (Tito tritt im Stück als Marschall Mirko auf), der ansonst gepflegte Schlosshof gar unfein durch Panzerketten devastiert., die Dienerschaft bis auf den treu ergebenen Haushofmeister Horatio über Nacht sozialistisch wurde, sah sich sogar der König aus pekuniären Gründen gezwungen, der arbeitenden Klasse beizutreten. Als Schlosser in seinem Schloss, das längst nicht mehr ihm gehört, sondern dem revolutionären Staat. Immerhin wurde der ehemalige Schlossherr sogar in die Gewerkschaft aufgenommen, was als versöhnliche Geste aufgefasst wird.

Die kurzsichtige Leonora verschließt sich in schlafwandlerischer, verträumter Eleganz der Realität. Für sie haben die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz bestenfalls den Unterhaltungswert einer Politsatire. Sogar dem gefürchteten Marschall gegenüber bleibt sie die unnahbare Prinzessin, sieht bestenfalls durch ihn hindurch, was aber weniger ihrer aristokratischen Abgehobenheit als ihrem Augenleiden zuzuschreiben ist.

Ein amerikanischer Kunstprofessor, der ohne Respekt für die Grenzziehung der Revolution in seinem Wagen die Minenfelder überquerte, entdeckt im Schloss einen übermalten Tizian von unschätzbarem Wert. Zuerst gewinnt er Leonoras Vertrauen und dann die Sicherheit, dass es sich bei diesem Gemälde um die berühmte Darstellung der Göttin Europa mit dem Göttervater Zeus in der Gestalt eines Stiers handelt. Akribisch legt er die versteckte Schicht frei.

Die Situation der Schlossbewohner wird prekär, als die US-Navy Titos Truppen ein Ultimatum stellt. Der Partisanenführer droht, vor Einrücken der Amerikaner alle Anwesenden erschießen zu wollen. Die letzte Nacht scheint hereinzubrechen und jeder bangt nach seiner Facon: Prinzessin Leonora beliebt, sich dem Kunsthistoriker aus Kansas hinzugeben, wie einst Europa dem bulligen Zeus. Der entthronte Fürst versucht, die apokalyptische Stimmung in Ermangelung eines Hofnarren selbst durch alberne Scherze zu heben. Marschall Tito macht sich über die letzten wertvollen Tropfen des Schlosskellers her.

Am nächsten Morgen jedoch flüchten die revolutionären Truppen samt ihrem verkaterten Marschall vor der US-Flotte hinter die „Potsdamer Linien“. Der Professor hält erfolglos um die Hand der Prinzessin an, die dank seiner Entdeckung wieder über ein ansehnliches Vermögen verfügt, welches ihrer Familie erlaubt, fortan ein standesgemäßes Leben im Westen zu führen. Schließlich hat die Göttin Europa Zeus ja auch nicht geheiratet, der one night stand war schon in der Antike en vogue. Der König wird seinen Schlosseranzug wieder ausziehen und wahrscheinlich auch aus der Gewerkschaft austreten – so er nicht Ehrenmitglied wird.
1D 10H
1 Dek.
Schauspiel
UA: 1952, Besenbinderhof, Hamburg
Übersetzung:
Peter Sandberg