Kindsmord

Peter Turrini

Das Psychogramm einer jungen Frau, die im Zentrum der Anklage steht, ist zeitlos.
Zeitungsmeldung: "Im Hause ihrer wohlhabenden Eltern tötete eine Sechsundzwanzigjährige ihr zehn Tage altes Kind. Über die näheren Umstände ist nichts bekannt. Man nimmt an, daß die Tat unter Sinnesverwirrung vollzogen wurde". Was treibt eine Mutter zum Kindsmord? Turrini hat einen Fall, der in Wien tatsächlich passiert ist, aufgegriffen.Die näheren Umstände versucht Peter Turrini in seiner psychologischen Studie zu vermitteln. Er schreibt dazu: "Die Unterdrückung der Frau ist auf eine infame Weise bürgerlich geworden. Aus dem schlagenden Vater ist der liebende Vater geworden, der seine Tochter mit Zuneigung erpreßt. Die Männer befehlen nicht mehr, sie reden gut zu. Sie sorgen sich um die Launen der Gattinnen und machen ihnen Kinder, damit sie beschäftigt sind. Dieses aufgeschlossene Bürgertum... hat Verständnis für die Leiden jener, die es zertritt".
ausführliche Beschreibung
SIE ist in einem gutsituierten Elternhaus aufgewachsen. Feudale Villa, Klavierunterricht an der Akademie, die Mutter meist unpässlich. Der VATER ist Arzt. Eine Überfigur, der man durch Bewunderung gerecht werden konnte. Dafür hat er SIE den beiden anderen Töchtern
vorgezogen. SIE war die Besondere. Trotzdem hat SIE keinen Boden unter den Füßen, SIE lebt im Konjunktiv. SIE existiert über die Nachahmung der anderen und wartet auf deren Bewertung. Eines Tages verlässt SIE ihr Zuhause und zieht zu ihrem FREUND. SIE geht nicht mehr an die Akademie und erfüllt das Leben ihres FREUNDES. Jetzt ist er es, der für SIE entscheidet, der weiß, was gut ist für SIE. Und SIE tut, was ihn zufrieden macht. Obwohl ihn das irritiert. Auch im Bett steht SIE mit ihren Gefühlen immer daneben, alles spielt sich nur im Kopf ab. Als SIE schwanger wird, ist SIE ausgelöscht und glücklich. SIE wähnt sich als die erste Mutter der Welt. Zum ersten Mal ist SIE jemandem ähnlich, allen Schwangeren. Zum ersten Mal ist SIE, die sich immer am Bild der anderen orientiert hat, wie die anderen. Doch der Gleichklang mit sich und er Umwelt dauert nicht lange. Die stumm auferlegten Forderungen an sich selbst holen SIE ein. SIE tritt aus sich heraus und projiziert ihre Ängste auf das Kind im Bauch. Das Ungeborene wird zum Ungeheuer. SIE kippt aus der Bahn ihrer Beziehung. SIE verlässt den Vater ihres Kindes und geht zu ihren Eltern zurück. Für die vom VATER finanzierte Abtreibung ist es zu spät. Die Mutter strickt Babykleidung, alle wissen, was gut ist für SIE. Als das Kind geboren wird, schreitet sie zur abscheulich befreienden Tat.
1D 3H
Schauspiel
UA: 11.03.1973, Stadttheater Klagenfurt, Studio, Regie: Helmut Polixa