Theaterstück über die Irrfahrt der St. Louisauf der Flucht vor dem Nationalsozialismus
„Wenn ich dieses Schiff hereinlasse, was ist dann mit dem nächsten?"
Die Irrfahrt der St. Louis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ist historisch verbürgt. Die 937 Passagiere, die Hitlerdeutschland entkommen wollten, hat es wirklich gegeben. Daniel Kehlmann bringt deren Schicksale in zeitübergreifender Fiktion auf die Bühne. Mit dem Wissen um ihre Vergangenheit und ihre Zukunft erleben sie die Gegenwart im Ungewissen. Kuba verweigert die Einreise. Der Rest der Welt auch. Niemand will die Juden haben. Doch dann kommt Hoffnung auf.
ausführliche Beschreibung
Im Jahr 1939 gehen 937 Juden in Hamburg an Bord der St. Louis. Sie wollen nach Kuba und von dort weiter in die USA oder andere Länder. Doch der kubanische Präsident verbietet die Einreise.
Kapitän Schröder steht vor unüberwindbaren Hindernissen. Die deutsche Propaganda hat unter der kubanischen Bevölkerung Hass auf die Juden geschürt. Präsident Brú will Wahlen gewinnen und besteht auf sein Dekret 937: Kein Passagier darf ohne gültiges Visum in Kuba einreisen. Die HAPAG in Hamburg protestiert. Immerhin wurden an den Minister für Einwanderung Benitez horrende Summen für Landegenehmigungen gezahlt. Die erweisen sich nun als illegal und wertlos. Benitez fühlt sich als Protegé von General Batista sicher und rechnet mit der Bestechlichkeit des Präsidenten. Der mächtige Batista verhält sich still. Und der Präsident ist vorsichtig und bleibt hart. Die St. Louis muss den Hafen verlassen.
Kapitän Schröder kämpft um seine Passagiere: Der Hebräischlehrer Aaron Pozner. Nur sein Tagebuch wird ihn überdauern. Der Anwalt Max Loewe mit seiner Frau Elise. Er wird überleben, weil er sterben will. Nach einem Selbstmordversuch landet er sicher im Spital von Havanna. Babette und Fritz Spanier. In festlicher Kleidung betreten sie das Schiff und trotzen den Demütigungen der Flucht. Der Kellner Leo Jockl, der als Jude unerkannt zu bleiben hofft. Otto Bergmann mit seiner eigenwilligen Tante Charlotte. Die Töchter von Fritz Aber, die von ihrem Vater in Havanna erwartet werden. Sie haben gültige Visa im Gepäck. Und der Steward Otto Schiendick, NSDAP-Ortsgruppenleiter auf dem Schiff und deutscher Agent, der die jüdischen Passagiere schikaniert. Er soll in Havanna drei Mikrofilme entgegennehmen. Just vom Vizedirektor der dortigen HAPAG-Niederlassung, der seinen eigenen Kurs fährt. Hoffmann hat als Leiter der deutschen Abwehr starkes Interesse, dass die St. Louis mit dem geheimen Material nach Hamburg zurückkehrt. Die Zeit drängt. Verhandlungen im Hintergrund scheitern an den Forderungen korrupter Mittelsmänner und politischen Zielen. Auch Amerika verwehrt die Einreise. Niemand auf der Welt will die Juden haben. Die Hoffnung, auf der benachbarten Pinien-Insel Schutz zu finden, stirbt. Die Idee, das Schiff zu havarieren, um eine Rettung zu erzwingen, prallt am Berufsethos Kapitän Schröders ab. Die St. Lous wird nach Hamburg zurückbeordert. Schröder erwägt wider seine Kapitänsehre Pläne, das Schiff vor Sussex auf Grund laufen zu lassen. Doch dann kommt Hilfe: Einige Länder nehmen eine bestimmte Quote von Juden auf. Über diese Länder bricht der Krieg herein. Die Reise der Verlorenen geht weiter.
Die Irrfahrt der St. Louis ist historisch verbürgt. Daniel Kehlmann bringt die Handlung in zeitübergreifender Fiktion auf die Bühne. Mit dem vorausschauenden Blick ihres Ausgangs wird die ganze Geschichte erzählt. Die Figuren treten aus dem Dialog, reflektieren ihren Charakter und verraten ihre Gedanken. Sie spielen mit dem Wissen der Zukunft und kokettieren gelassen mit ihrem Ende. Für nur wenige ist es ein gutes.
„Eines der eindrücklichsten Stücke zur aktuellen Zeit“
Katharina Menhofer, Ö1, 9. Jänner 2019
„Kehlmanns Komposition will an die wahren Menschen der damaligen Beinah-Katastrophe erinnern und ihnen, von denen viele letztlich doch den Tod in Lagern oder im Krieg fanden, ihre Würde zurückgeben.“
Björn Hayer, Der Freitag, 2019
„subtiles und monumentales Schauspielertheater“
Andreas Falentin, die deutsche bühne, 8. November 2019
„Eine Geschichte, die jeden berührt.“
Szene Hamburg, 21. Oktober 2020
„ein großartiges Stück, das dafür sorgen sollte, uns nicht vergessen zu lassen, was tagtäglich mit Menschen in Europa geschieht“
Volker Schulze, Oldenburger Onlinezeitung, 14. November 2022
„Das Stück legt dar, wie einzelne Akteure und Institutionen versuchen, aus dem Schicksal der Verfolgten Kapital zu schlagen. In diesem Blick auf den Umgang mit Flüchtenden liegt die beklemmende Aktualität der ‚Reise der Verlorenen‘.“
Thomas Wortmann, Nachwort zur Buchausgabe im Reclam-Verlag