Elise, Laura, Tristan, Boris. Vier Menschen, achtzehn Begebenheiten, die nichts miteinander zu tun zu haben. Oder doch? Man erkennt die Figuren, doch immer leben sie eine andere Möglichkeit einer denkbaren Beziehung. Wo hat der Gedanke einen Anfang, und wo schließt sich ein Kreis? Jérôme Junod lotet in seinem Virtualitätsdrama scheinbar reale Variationen von Begebenheiten im Leben seines Personenquartetts aus. Die short-cuts finden im letzten Bild zu ihrem Anfang. Junod demontiert gängige Erwartungshaltungen und führt vier Menschen in eine „fünfte“ Wirklichkeit.
In der Mathematik bezeichnet das Epsilon die Abweichung von einem Grenzwert in einer konvergenten Serie, jene beliebig kleine und dennoch unreduzierbare Variation, die vom Grenzwert noch entfernt ist. Je weiter die Serie, desto näher kommt sie dem Grenzwert. Erreichen tut sie ihn nie. Ein „kleines Epsilon“ bleibt immer übrig.
ausführliche Beschreibung
DIE NACHT DES MORDES: In einer Hotelsuite stellt Elise ihren Ehemann Tristan und will ihn des außerehelichen Verhältnisses mit Laura überführen. Doch Tristan hat seine Geliebte mit Boris im Nebenzimmer ertappt und beide ermordet. Sie sind 40. DIE SCHLAMPE: Der 35jährige Boris trifft zufällig den gleichaltrigen Tristan im Café. Sie reden über Frauen. Tristan und Laura als Liebespaar in der Hotelsuite beim SCHEITERN: Sie sind 50. Und dann folgt ein Sprung in die Kindheit: Elise und Laura demütigen auf dem Schulhof den 10jährigen Klassenkameraden Boris wegen seiner Herkunft aus einem anderen Land: KINDER SIND GRAUSAM. Später sehen wir in NATURGEWALTEN einen Boris mit 42 als Gewalttäter, eine 7jährige Laura, die im Kinderzimmer mit ihren PUPPEN spielt, die bekannten vier Personen als literarisches Quartett, das sich eine hitzige Diskussion über neuerschienene Bücher liefert. DER MORGEN DANACH: Tristan und Laura 25jährig im Bett nach einer Liebesnacht. Tristan ist Laura verfallen, Laura sachlich und kühl. Gleich danach die zweite Version: DER MORGEN DANACH: Tristan und Elise, ebenfalls 25, nach der Liebesnacht. Elise begehrt Tristan, der emotional nicht bei ihr ist. DAS PLÄDOYER der 60jährigen Elise im Kampf um Frauenrechte, die HOCHZEITSNACHT von Elise und Tristan, sie sind 30, ein Sprung zurück in die Hotelsuite vom Anfang: NACHT DES MORDES: Diesmal wird Laura nicht von Tristan, sondern von Elise ermordet. Die Schauplätze wechseln vom Altersheim zur Galerie bis zum Büro, in dem Boris von Laura GEFEUERT wird. Und dann die letzte Szene: die vier sind 18 und befinden sich auf einer Bergspitze: UNSCHULD. Sie überlegen, ob sie sich aus den Augen verlieren werden. Sie denken die Möglichkeiten ihrer Beziehungen durch. Ob es Geschichten gibt, die sie, wenn sie auseinandergehen, je erleben werden. „Irgendwie werden wir zusammenbleiben“, meint Laura. „Selbst wenn wir uns nicht mehr sehen, werden wir uns begleiten“… Wir sind nicht nur das, was die Bedingungen aus uns machen.
Jérôme Junod liebt das Experiment und die Irreführung. In übertitelten short-cuts spielt der Autor systematisch mit Möglichkeiten und Variationen von Begebenheiten im Leben seiner vier Zeitgenossen. Unterschiedliche Annahmen, Entwürfe und Zufällligkeiten bereiten den Boden für 26 Geschichten, die in ihrer Aneinanderreihung ein Gesamtbild der Möglichkeiten bilden. An der Handlungsoberfläche findet die bewusste Demontage von Zusammenhängen statt, während unterirdische Parallelen gezogen und tiefere Facetten der Figuren sichtbar werden: ewige Leidenschaften, wiederkehrende Charaktereigenschaften, grundsätzliche Missverständnisse. Im letzten Bild entschlüsselt sich die eigenwillige Dramaturgie. 26 Szenen, 26 Lebenssequenzen von vier Menschen in einer übergeordneten Wirklichkeit.