Hieronymus Bosch

Jérôme Junod

Eine surreale Theaterreise durch eine surreale Bilderwelt bis zu den Grenzen der kunsthistorischen Hieronymus Bosch-Forschung.
Jérôme Junods vielschichtiges Stück zum 500. Todesjahr des grenzüberschreitenden Malers. Die Handlung entwickelt sich angelehnt an Boschs Triptychon "Der Garten der Lüste". So wie sich bei Bosch Identitäten und Bildräume verschieben, so wandern auch Junods Theaterfiguren durch Zeiten und wundersame Orte.
ausführliche Beschreibung
Die junge Kunsthistorikerin Caroline bleibt auf dem Weg zu einer Hieronymus Bosch-Tagung in der Transitzone eines internationalen Flughafens hängen. Wegen eines Terroranschlags sind alle Flüge bis zum nächsten Tag gecancelled und Carolines Teilnahme am Symposium somit unmöglich. Da die Assistentin des Kolloquiumsleiters Professor Schulte weder weiterfliegen noch den Flughafen verlassen darf, begibt sie sich in eine Bar. Dort versucht sie, der Kellnerin den großen niederländischen Maler Bosch näherzubringen und deren Assoziation mit dem Namen einer Bohrmaschine zu korrigieren. Nach merkwürdigen Begegnungen, dem Verlust ihrer Brieftasche und starkem Alkoholkonsum fällt Caroline in einen Tiefschlaf.

Während Caroline - durch höhere Gewalt verhindert - auf der Suche nach Bosch im Traum durch die Jahrhunderte wandert, kommt Kolloquiumsleiter Schulte ohne seine „rechte Hand“ bei der Abwicklung des Programms ganz schön ins Schleudern. In einer prominent besetzten Runde von Experten und Expertinnen fachsimpelt man angeregt über kunsthistorische Neuigkeiten, gratuliert einander zu aktuellen Veröffentlichungen, schüttelt den Kopf über die Zusammensetzungen diverser Kommissionen, lässt kein gutes Haar an jüngsten Neuauflagen nicht anwesender Kollegen, distanziert sich von oberflächlichen Mutmaßungen einer wachsenden Schar von Dilettanten, analysiert die Unfähigkeit führender Verlage, entlarvt absurde Deutungen der Journaille, führt leidenschaftliche Diskussionen über haarsträubende Rezensionen unwissender Kritiker und enthüllt bahnbrechende Denkansätze zur Erschließung neuer Wege in der Bosch-Forschung. Alles in allem ist man der Mittelpunkt der Welt, zumindest der kunsthistorischen, und geht nach der Verteilung von Essenbons in die wohlverdiente Pause.

Indessen klopft Caroline an die Tür des Malers, über den sich 500 Jahre später immer noch die Gemüter erhitzen. Zwei Mägde öffnen der sonderbar spärlich gekleideten Frau, die nach einem Ort fragt, der sich Toilette nennt und in ein kleines Ding spricht, das geklingelt hat. Caroline begegnet Boschs Ehefrau, die den Gatten abschirmt, einem lüsternen Aristokraten, einem Gelehrten, der sie vor den Gefahren lesender Weiber warnt und einem nackten Jüngling, der durchs Haus wandert. Plötzlich steht der Meister vor ihr. Caroline ist sprachlos. Ihre Suche nach dem Warum und der Moral in seinem Werk schmettert er ab. Auch die Bedeutung der obligaten Eule in seinen Bildern will er nicht erklären. Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden. Caroline ist verwirrt. Die Fragen der Gegenwart scheinen sich nicht mit denen der Vergangenheit zu verstehen. Caroline erwacht aus dem Traum. Eine Eule flattert davon.
9 Darst.
Schauspiel
UA: 04.11.2016, Schauspielhaus Salzburg