Morsch

(Im Nachhinein)

Jérôme Junod

Die Geschichte wiederholt sich nicht, und doch verwirklicht sich in ihr ein Wiederholungszwang. (A. & M. Mitscherlich). Über fünf Generationen untersucht Jérôme Junod in "Morsch" die gefürchtete Wiederkehr vergangen geglaubter politischer Muster. Der autobiographische Roman von Maier, eines ehemaligen Gefangenen des nunmehr überwundenen totalitären Regimes, erregt Kritiker und Historiker bei einer Fernsehdiskussion, langweilt Älex, Pät und Bäverly, die das als Pflichtlektüre im Geschichtsunterricht sowieso alles total „Morsch“ finden und gewinnt verhängnisvollerweise Jahre später wieder an Aktualität, als Älex selbst zum Opfer eines neuen totalitären Systems wird.
ausführliche Beschreibung
Was verbindet einen Fluchtversuch aus einem Foltergefängnis, ein Nachkriegsabendessen, eine akademische Fernsehrunde, Halbwüchsige am Spielplatz oder das Warten auf eine Hinrichtung? - alles Szenen, die in unterschiedlichen Zeiten stattfinden.

Krieg. Während des Angriffes auf das Foltergefängnis eines totalitären Staats warten die Häftlinge Maier und Luchs auf ihre Chance zu entfliehen. In ihrem Versteck versuchen sie zu verstehen, was außerhalb des Gefängnisses los ist und warum sie sich überhaupt hier befinden.

Nachkrieg. Vati, Mutti und Tochter Lisbeth haben sich nach dem Fall des Terror-Regimes, dem Vati schwer nachtrauert, eine kleinbürgerliche Existenz gesichert. Man isst, lästert über die Nachbarn, besonders über Herrn Maier, „einer von denen...“, der nie seine Wohnung verlässt und angeblich an einem Buch schreibt. Ressentiments und Nehlschweigtorte wechseln sich ab, Familiengeheimnisse werden eisern verschwiegen.

Jahre später. Eine Historikerin und ein Kritiker streiten in einer Fernsehdiskussion über den literarischen bzw. gesellschaftlichen Wert des soeben erschienenen autobiographischen Romans Andere Wege, der die Geschichte des ehemaligen Häftlings Maier erzählt. Die Intellektuellen geraten dabei in einen hitzigen Zwist, zumal ihre eigenen Vorbilder sich in der Schreckenszeit auch nicht tadellos verhalten haben.

Heute. Pät, Bäverly und Älex lästern über den wohlmeinenden Geschichtslehrer und die langweilige Pflichtlektüre. Man hat doch ohnehin den Film schon gesehen. Aber als Pät erklärt, zum Casting für Freiheit - Das Mjusikl nach Maiers Roman einen Song vorsingen zu wollen, machen sich neue, auch erschreckende Welten auf.

Morgen? Nach ihrer Verhaftung: Ein Mann und eine sehr alte Frau warten auf ihren Abtransport. Die alte Frau redet ununterbrochen von der guten Nehlschweigtorte, die ihre Mutter früher immer gebacken hat, während der Mann sich mit seinem Schicksal noch nicht abfindet. Als ein Uniformierter die beiden abholt, um sie zu ‚sortieren‘, erkennt der Mann in ihm seinen Jugendfreund Pät.

Die fünf Erzählstränge in „Morsch“ sind thematisch miteinander verbunden und kreisen um eine historische Katastrophe in einer fiktiven Welt. Jede Generation hat einen jeweils anderen Zugang zur Geschichte. Die Episoden werden nicht nacheinander erzählt, sondern ineinander verwoben und gegeneinander ausgespielt. Gewisse Erwartungen werden unterwandert, das Gesamtbild ändert sich immer wieder. Es werden auf tragikomische Weise Fragen verhandelt wie gesellschaftliche Verdrängung, unvermeidbares Vergessen, Geschichtsvermittlung und die mögliche Wiederkehr vergangen geglaubter politischer Muster.
1D 2H
Besetzung variabel, mind. 1D, 2H
Schauspiel
UA: 11.05.2016 Salon 5 im Nestroyhof/Hamakom