Ein Porträt der literarischen Emigranten Europas im Hollywood der 1930er und 40er Jahre
„Ich weiß, wie furchtbar die Leute sind, und mag sie trotzdem."
Hamptons Stück über Ödön von Horváth in Hollywood lebt von der Fiktion des „Überlebenden“. Der große Dramatiker wurde 1938 in Paris von einem Baum erschlagen. Hampton lässt den Poeten, inspiriert durch Horváths letzte Notizen für einen Roman, nach Amerika emigrieren. Dort geht Ödön alias Ed während des Zweiten Weltkrieges und danach einem anderen Ende entgegen.
Das Stück wurde 1982 in Los Angeles uraufgeführt. 1992 erschien eine Fernsehinszenierung u. a. mit Jeremy Irons als Ödön von Horváth und Alec Guinness als Heinrich Mann.
ausführliche Beschreibung
Durch einen herabfallenden Ast auf den Champs Èlysées kam Ödön von Horváth im Jahr 1938 ums Leben. In seinem Pariser Hotelzimmer fand man Notizen für den Roman „Adieu Europa“. Die erste Zeile inspirierte Christopher Hampton zu einem Theaterstück.
Hampton beginnt mit dem absurden Unfall, der die Theaterwelt wohl um einige Werke eines der größten Autoren ärmer gemacht hat. Horváth wird zum Beobachter seines eigenen Todes und geht, mit dem Affidavit eines amerikanischen Onkels nach Los Angeles. Aus Ödön wird Ed, der in Hollywood die Macht der Filmbosse zu spüren bekommt. Ed scheitert nicht nur an der englischen Sprache, sondern auch an seinem ersten amerikanischen Drehbuch. Da er das vorgegebene Treatment eigenwillig ignoriert, sieht er sich einem tobenden Produzenten ausgesetzt. Er arbeitet für Warner Brothers im Europäischen Film Fund für bedürftige Schriftsteller und lernt die Hierarchie der nach Gehalt gestaffelten Schreibenden kennen.
Er wird Geliebter der jüdischen Script-Verfasserin Helen Schwartz und ist Gast im Haus von Salka Viertel, einem künstlerischen Treffpunkt der vertriebenen europäischen Elite. Er gerät in das Spannungsfeld der Brüder Thomas und Heinrich Mann. Er sieht die verzweifelte Selbstzerfleischung von Heinrichs skandalumwitterter junger Ehefrau Nelly, die an der Entwurzelung genauso zugrundegeht wie ihr verarmter Mann. Um das Angebot des streitbaren Bertolt Brecht zu einer Zusammenarbeit macht er, wissend um die Unvereinbarkeit ihrer konträren Charaktere, einen Bogen und zieht einen Auftrag von Robert Siodmak für einen Horrorfilm vor. Er arrangiert sich. Als der Krieg vorbei ist, hat er sich die Hollywood Hills hinaufgearbeitet bis zur kleinen Villa mit Swimming-Pool.
Viele Existenzen stehen an einem Wendepunkt. Vor dem Komiteé für unamerikanische Umtriebe scheiden sich die Geister. Horváth verliert seine jüdische Freundin durch das verspätete Geständnis über seine Mitgliedschaft beim Deutschen Schriftstellerverband. Der Abschied von ihr wird zu einer Schlüsselszene. Als er nach 13 Jahren zurück nach Europa will, lockt ein lukratives Filmangebot. Obwohl er dem Theater längst Adé gesagt hat, liegen vier unveröffentlichte Stücke in der Schublade. Wovon sie wohl gehandelt haben?
Christopher Hampton kehrt die Macht des Zufalls um und lässt den viel zu früh verstorbenen Schriftsteller in Hollywood weiterleben. Er setzt ihn als einen den Grauen des Zweiten Weltkrieges Entkommenen den Schwierigkeiten der Emigration aus. Wäre Horváth – hätte er sie erlebt – daran zerbrochen? Künstlerische Einschränkung und Zensur hier wie dort. Er wird zum Mitwisser unterschiedlicher Überlebensstrategien, zum Zeugen seelischen Zerbrechens, zum anfänglichen Verweigerer verlangter Selbstverleugnung, zum heimlichen Beobachter seiner inneren Entfremdung, zum resignierten Akzeptanten seiner Angepasstheit.
„Konzentriert auf die Figuren, entwickelt das Stück ohne Effekthascherei einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.“
Berliner Morgenpost, 12. November 2013
„… eine Horváth-Revue voll Biss und Mitleidlosigkeit“
Gerhard Stadelmaier, Theater heute, 1983
„Ihren besonderen Witz gewinnen die ‚Geschichten aus Hollywood‘ durch die Konfrontation Horváths mit Brecht.“
NZZ, 28. März 1983
„Horváth kommentiert und glossiert amüsiert die Tagträumereien der deutschen Literaten und ihre Unfähigkeit, sich einzustellen auf die Unterhaltungsmaschinerie Hollywoods.“
Siegfreid Kienzle, Schauspielführer der Gegenwart
„It’s the favorite of my plays.“
Christopher Hampton, 2010
6D
7H
Doppelbesetzungen möglich
Schauspiel
UA: 25.03.1982, Mark Tapers Forum, Los Angeles, Regie: Gordon Davidson
DEA: 26.03.1983, Düsseldorfer Schauspielhaus, Regie: Peter Palitzsch
ÖEA: 02.06.1988, Theater in der Josefstadt, Wien, Regie: Rolf Stahl