Kommendes Jubiläum: Ödön von Horváth

2026 jährt sich Horváths Geburtstag zum 125. Mal

Im nächsten Jahr, am 9. Dezember 2026 jährt sich Ödön von Horváths Geburtstag zum 125. Mal. In den 1930er-Jahren war Horváth Autor im Georg Marton Verlag, aus dem später der Thomas Sessler Verlag hervorging. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es Thomas Sessler die Rechte an den Werken Horváths zusammenzutragen und dessen Stücke einige Zeit vor dem Horváth-Boom der sechziger Jahre zur Aufführung zu bringen. Hier einige Highlights und Fundstücke fürs kommende Jubiläum.

Geschichten aus Hollywood
­Christopher Hampton
­
Durch einen herabfallenden Ast auf den Champs Èlysées kam Ödön von Horváth im Jahr 1938 ums Leben. In seinem Pariser Hotelzimmer fand man Notizen für den Roman „Adieu Europa“. Die erste Zeile („Ein Poet emigriert nach Amerika“) inspirierte Christopher Hampton („Gefährliche Liebschaften“, „Eine dunkle Begierde“) zu seinem 1982 in Los Angeles uraufgeführten und viel diskutierten Stück. 1992 erschien eine Fernsehinszenierung u. a. mit Jeremy Irons als Ödön von Horváth und Alec Guinness als Heinrich Mann.
Hampton kehrt die Macht des Zufalls um und lässt den viel zu früh verstorbenen Schriftsteller in Hollywood weiterleben. Er trifft auf andere Künstler in der Emigration – Bertolt Brecht, Heinrich und Thomas Mann, Robert Siodmak u. a., hin- und hergerissen zwischen der Unterhaltungsmaschinerie Hollywoods, Heimatlosigkeit und einem Klima der Zensur im Zeichen der McCarthy-Ära.
„Die Tragödie des Stückes liegt nicht nur darin, dass diese Menschen von Europa und den Leiden dort abgeschnitten waren, sondern auch darin, dass sie gezwungen waren, die groteskesten Arbeiten zu übernehmen … was konnten sie bewirken in einer Gesellschaft, die auf absolut Trivialem und Oberflächlichem basiert?“ (Christopher Hampton über das Stück)

6D, 7H / Doppelbesetzungen möglich
Hinweis: Von Christopher Hampton vertritt der Thomas Sessler Verlag auch eine Theaterfassung nach Horváths Roman „Jugend ohne Gott“.

­Gegenwarts-Satire frei nach Horváth
­La notte italiana – Reise ans Ende der Gleichgültigkeit
­Mario Wurmitzer, inspiriert von „Italienische Nacht“ von Ödön von Horváth
­
Mario Wurmitzer wurde 2023 zum Bachmann-Preis eingeladen, jüngst erschien im Aufbau-Verlag sein von der Presse hochgelobter Roman „Tiny House“. Horváth war für Wurmitzer schon am Anfang seiner Karriere als Theaterautor prägend, für „La notte italiana“ ließ er sich vom Horváth-Stück „Italienische Nacht“ inspirieren. Laut Presse ein „satirisches Spektakel“ (WZ) „mit ziemlich vielen doppelten Böden“ (Die Deutsche Bühne) „schlau, temporeich und witzig“ (taz).
Zum Stück: Ist die Sozialdemokratie am Ende? Der Chor der Träumer gilt als ihr Thinktank, ihre Denkfabrik. Bei Zusammenkünften werden visionäre Ideen geboren und Strategien nach außen entwickelt. Die Sitzungsordnung wird durch die kämpferische Marie und den intellektuellen Businessmann Bruno gestört. Marie will etwas verändern und Mitglied werden, Bruno will einfach nur mit Freunden hier feiern. Als die ihn zurücklassen, schließt sich Bruno dem Chor an und arrangiert sich. Er wird sogar zur neuen Leitfigur. Marie will nirgendwo mehr dazugehören.
„Fasziniert [an Horváths Stück] hat mich das Thema: das Erstarken populistischer Kräfte, die Tendenz zu Polarisierung und Radikalisierung
und die Frage, wie Menschen mit dem scheinbaren Verlust von Sicherheitenumgehen und wie man darauf reagieren kann, wenn Kunst-, Presse- und Meinungsfreiheit in Gefahr geraten. Was setzt man radikalen Positionen entgegen?“ (Mario Wurmitzer im Interview)

Besetzung variabel, mind. 5 Darsteller:innen

Niemand
­Ödön von Horváth
­
Horváth schrieb dieses Stück 1924. Das Manuskript galt fast ein ganzes Jahrhundert lang als verschollen, bis es 2015 wiederentdeckt wurde und die Bühnen eroberte:
„In ‚Niemand‘ finden wir einen für Horvath typischen Topos: Menschen, die aufgrund einer Wirtschaftskrise verarmen und moralisch verkommen. Und Horvath zeigt – wie z. B. später auch in den ‚Geschichten aus dem Wiener Wald‘, dass Frauen doppelt getroffen werden, von den wirtschaftlichen Verhältnissen und den patriarchalen.“ (Ö1)
„Das Stück wirkt laut und grell, ein Frühwerk, gewiss, doch es hat schon eine für Horváth charakteristische Qualität: Hier ist keiner entweder gut oder böse, alle sind getrieben, in ihr Schicksal geworfen.“ (Die Presse)
„So quälend und verzweifelt wie hier hat der Autor sich selbst und seine Zeit an keiner anderen Stelle seines Werkes befragt.“ (Klaus Kastberger)
Horváth verdichtet und überhöht in einem surrealen Reigen die Themen seiner späteren Werke: Die Verurteilung zum Dasein, und das Verlangen, diesem zu entkommen. Fürchtegott Lehmann, der verkrüppelte Hausbesitzer und Pfandleiher, herrscht wie ein gefürchteter Gott in seinem Mietshaus. Alle Bewohner:innen in Lehmanns Mietshaus stehen in seiner Schuld: Die Dirne Gilda, ihr Zuhälter Wladimir, der arme Geiger Klein, die Kellnerin und alle Nachfolger und Nachfolgerinnen dieser Figuren. Alle scheinen durch eine unsichtbare Vernetzung verbunden zu sein. Immer wieder taucht NIEMAND als übergeordnete Macht auf. Wer ist dieser NIEMAND? Ist NIEMAND Gott und Gott ein NIEMAND?

7 D, 17 H / Mehrfachbesetzungen möglich

­Hin und Her
­Ödön von Horváth / Hans Gál
­Anfang der 1930er-Jahre schrieb Horváth seine Posse „Hin und Her“. Die Lieder entstanden gemeinsam mit dem jüdischen Komponisten Hans Gál, der seit einigen Jahren eine spektakuläre Renaissance erfährt. Kürzlich wurden die lange verschollen geglaubten Noten im Archiv des Thomas Sessler wiederentdeckt.
Das Stück spielt an der Grenze zwischen zwei Staaten, irgendwo im südöstlichen Europa. Ein armer Schlucker, Ferdinand Havlicek, wird zu einem problematischen „amtlichen“ Fall, weil er diesseits ausgewiesen und jenseits nicht hereingelassen wird. Auf der Brücke über den kleinen Grenzfluss zwischen den miteinander verfeindeten Zöllnern pendelt der Staatenlose hin und her. Er müsste den Rest seines Lebens auf dieser Brücke zwischen den zwei Staaten verbringen, könnte er nicht durch Zufall bei der Festnahme eines berüchtigten Schmugglerpaares helfen, was ihm eine Belohnung, eine Einreisegenehmigung und eine Einheirat verschafft.

4 D, 12 H / Mehrfachbesetzungen möglich
Klavierauszug / Orchester-Partitur: Flöte, Klarinette (Alt-Saxophon), Fagott, Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabass, Klavier, Pauken und Schlagzeug (1 Spieler)
Hinweis: Für die erste Aufführung nach dem zweiten Weltkrieg schrieben Hans Weigel (Text) und Hans Lang (Musik) eine Fassung mit neuen Liedern. Auch diese ist im Thomas Sessler Verlag erhältlich.

Außerdem im Programm
­Glaube Liebe Hoffnung (5 D, 13 H / Mehrfachbesetzungen möglich): Klassiker von Ödön von Horváth und Lukas Kristl

Traugott Krischke war Herausgeber der Werke Horváths und einer der versiertesten Horváth-Experten. Er bearbeitete Romane und Fragmente Horváths für die Bühne:
Fräulein Pollinger (1 D, 1 H): Das Stück basiert basiert auf dem Roman „Sechsunddreißig Stunden“ und Teilen des Romans „Der ewige Spießer“, sowie einigen Fragmenten aus dem Nachlass.
Die Wiesenbraut (7 D, 13 H / Mehrfachbesetzungen möglich): Volksstück in sieben Bildern, aus nachgelassenen Szenen (Entwürfen zu „Kasimir und Karoline“) rekonstruiert
Ein Kind unserer Zeit (3 D, 4 H): Nach dem gleichnamigen Roman
Jugend ohne Gott (4 D, 13 H / Mehrfachbesetzungen möglich): Nach dem gleichnamigen Roman
Spießer-Chronik (3 D, 3 H): Nach Texten und Fragmenten zusammengestellt  –29.04.2025