Eine sensationelle Entdeckung aus dem Frühwerk Ödön von Horvaths
Eine sensationelle Entdeckung aus dem Frühwerk Ödön von Horváths! In der weitverzweigten Geschichte des behinderten Hausbesitzers und Wucherers Fürchtegott Lehmann kündigt Horvath in einem surrealen Reigen die Themen seiner späteren Werke an: Die Verurteilung zum Dasein und die Hoffnung, diesem zu entkommen. Alle Bewohner in Lehmanns Mietshaus stehen in seiner Schuld: Die Dirne Gilda, ihr Zuhälter Wladimir, der arme Geiger Klein, die Kellnerin und alle Nachfolger und Nachfolgerinnen dieser Figuren: Denn die Rollen und Schicksale doppeln sich, jeder scheint mit dem anderen durch eine unsichtbare Vernetzung verbunden zu sein. Immer wieder taucht NIEMAND als übergeordnete Macht auf. Wer ist dieser NIEMAND? Ist NIEMAND Gott und Gott ein NIEMAND?
ausführliche Beschreibung
Fürchtegott Lehmann, der verkrüppelte Hausbesitzer und Pfandleiher, herrscht wie ein gefürchteter Gott in seinem Mietshaus. Alle Bewohner stehen in seiner Schuld. Der mittellose Geiger Klein, dem die Delogierung aus seiner Dachkammer droht, die Prostituierte Gilda, die es auch manchmal umsonst macht, ihr Zuhälter Wladimir, der sie dafür verprügelt, die Kellnerin vom Großen Wirten, die aus Liebe zu Wladimir falsch abrechnet – die lebendigen Mieter wie die toten, die man wegbringt im großen schwarzen Wagen, der immer wieder vorfährt, als Brautgefährt oder Leichenwagen. Fürchtegott Lehmann hat das quälende Mitleid besiegt, das man dem Behinderten seit der Kindheit entgegenbringt und durch den Hass ersetzt.
Eines Tages steht Ursula vor Gildas Tür. Sie läutet zwei Mal, wie alle, die keine Wahl haben, sondern Hunger. Lehmann, der dazu verdammt ist, nie aus dem Haus zu kommen, lädt Ursula in den ersten Stock zum Essen ein. Ursula bleibt und wird seine Frau. Der große Wagen fährt vor. Fürchtegott wird zur Trauung getragen. Er will ein anderer werden, vom Wucherer zum Wohltäter. Er bezahlt die Rechnung der Kellnerin. Doch der Wirt hat längst eine Nachfolgerin eingestellt. Klein soll seine Schulden mit einem Ständchen vor der Tür des Brautpaars begleichen. Doch die Hochzeitsnacht wird zum Desaster. Lehmann spürt Ursulas Ekel vor seinem verkrüppelten Körper. Und ihr Mitleid. Die Melodie, die man nicht so schnell vergessen sollte, ist schnell verklungen. Ursula will gehen und muss doch bleiben. Aus Mitleid.
Am Tag nach der Hochzeit wird ein Toter gefunden. Lehmann heißt der Ermordete, dessen Kopf mit einem Hammer zertümmert wurde. Das Opfer ist nicht Fürchtegott Lehmann, sondern ein Kunde Gildas. Ein vermeintlicher Goldring mit der Inschrift Und die Liebe höret nimmer auf wurde Fürchtegotts Namensvettern Max Maria Lehmann zum Verhängnis. Wladimir wird als Mörder abgeführt. Fürchtegott will Gilda für den wertlosen Blechring des toten Lehmanns nichts zahlen. Von Ursula gedemütigt, will er Gildas Körper. Bei deren Verfolgung verliert er seine Krücken und stürzt über die Treppen. Ursula findet ihren verletzten Mann. Sein Kopf blutet. Als hätte ihn ein Hammer zertrümmert. Denn nicht nur Namen doppeln sich, sondern auch Schicksale. Ein Fremder, der das Haus zu kennen scheint, taucht auf und fragt nach Fürchtegott. Draußen fährt der schwarze Wagen vorbei. Lehmann stirbt im Beisein des Fremden. Es ist sein zurückgekehrter Bruder Kaspar, der immer schon der Stärkere war. Lehmanns Krücken bleiben verschwunden. Dabei war niemand da. Ein Wunder?
Horváth verdichtet und überhöht in einem surrealen Reigen die Themen seiner späteren Werke: Die Verurteilung zum Dasein, und das Verlangen, diesem zu entkommen. NIEMAND ist ein komplexes Muster, eine rätselhafte Grundlage seiner literarischen Phantasie. Jede Figur ist dazu verdammt, die Rolle der anderen weiterzuspielen. Horvath erzählt eine tiefverzweigte Geschichte, in der sich wiederkehrende Elemente und Motive verknüpfen. Der eine scheint schon einmal der andere gewesen zu sein und alles über seinen Vorgänger zu wissen. Es wäre nicht Horváth, würde nicht bei aller Ausweglosigkeit die Hoffnung ins Spiel kommen.
„In 'Niemand' finden wir einen für Horvath typischen Topos: Menschen, die aufgrund einer Wirtschaftskrise verarmen und moralisch verkommen. Und Horvath zeigt – wie z. B. später auch in den 'Geschichten aus dem Wiener Wald', dass Frauen doppelt getroffen werden, von den wirtschaftlichen Verhältnissen und den patriarchalen.“
Ö1
„Das Stück wirkt laut und grell, ein Frühwerk, gewiss, doch es hat schon eine für Horváth charakteristische Qualität: Hier ist keiner entweder gut oder böse, alle sind getrieben, in ihr Schicksal geworfen.“
Thomas Kramar, Die Presse, 22. September 2015
„So quälend und verzweifelt wie hier hat der Autor sich selbst und seine Zeit an keiner anderen Stelle seines Werkes befragt.“
Klaus Kastberger
Buchausgabe hrsg. vom Verein der FREUNDE der Wienbibliothek und dem Thomas Sessler Verlag, Wien
UA: 01.09.2016, Theater in der Josefstadt, Wien
DEA: 25.03.2017, Deutsches Theater, Berlin