Der Riese vom Steinfeld ist eine Geschichte, die sich im 19. Jahrhundert im Salzburgischen zugetragen hat. Ein junger Bursche hört nicht mehr auf zu wachsen, er wird verspottet und aus dem Knabenchor geworfen. Der listige Schneider des Dorfes macht ihn mit seinen zweieinhalb Metern Körpergröße zur Attraktion aller europäischer Fürstenhöfe von Berlin bis London. Nach zwei Jahren kommt der Riese ins Dorf zurück und stirbt mit 27 Jahren an einer Lungenentzündung. Der ehemals Vertriebene wird als Puppe in Originalgröße nachgebaut, ans Wirthaus genagelt und als Fremdenverkehrsattraktion vermarktet.
1992 hörte Peter Turrini erstmals von der Existenz des Riesen. Er hat die Geschichte zwar zunächst ins Reich der Fabel verwiesen, aber sie ließ ihn nicht mehr los. Also machte er sich auf die Spur dieses sagenhaften Riesen – und er wurde fündig. In einem Heimatmuseum stieß er auf einen unvorstellbar großen Schuh, der dem Riesen gehört hatte, später auf ein Foto und schließlich am Friedhof von Lengau auf dessen zwei Meter achtundfünfzig großes Grab.
Peter Turrini begann, die Geschichte aufzuschreiben, mit der mir eigenen Lust, aus Vorgefundenem Erfindungen zu machen. Und als Staatsoperndirektor loan Holender ihm vorschlug, als Auftragswerk ein Opernlibretto zu schreiben, war es diese Geschichte, die Peter Turrini als Quelle seiner ersten Arbeit für die Oper diente.
ausführliche Beschreibung
1. Akt:
In seiner Heimat Steinfeld wird der Riese wegen seiner Größe verspottet und für alles Unglück im Dorf verantwortlich gemacht. Der Klammerschneider will ihn in der Welt zur Attraktion machen. Der Riese verabschiedet sich von seiner Mutter und verspricht ihr, Geld zu schicken, damit sie eine große Wiese kaufen könne. In Ried führt der Klammerschneider den Riesen als mädchenverschlingendes Ungeheuer vor, doch anstatt gefährlich zu brüllen, bricht der Riese in Schluchzen aus. Die kleine Frau, die ihn liebt, tröstet ihn. In der Prager Judenstadt hebt der Riese Kinder auf seine Schultern, wodurch sich ihnen ein Blick in die Zukunft offenbart. Als auch der Rabbi einen Blick in die Zukunft wagt, sieht er Wien, Berlin und Prag judenleer. In Berlin wird der Riese Kaiser Wilhelm II vorgeführt, der mit ihm riesige Soldaten züchten will. In London wird der Riese Königin Viktoria präsentiert, die von sich behauptet, die „größte Frau der Welt“ zu sein. Doch für den Riesen ist seine Mutter die größte Frau der Welt. Er würgt die Königin, sie schenkt ihm eine goldene Uhr.
2. Akt:
Der Riese tritt in einem Pariser Varieté auf. Er sehnt sich nach einer Frau. In Oberbayern überläßt der Klammerschneider den Riesen einem Zirkusdirektor. Im Zirkus trifft der Riese auf die kleine Frau. Als der Zirkusdirektor deren Liebe als „perverse“ Sensation ausstellt, schlägt der Riese wild um sich und läuft davon. Er kehrt zu seiner Mutter zurück. Sie beläßt ihn in dem Glauben, daß die Wiese ihm gehöre. Der Klammerschneider hatte niemals Geld geschickt. Der Riese stirbt. Weil er nicht in den Sarg paßt, schneiden ihm die Totengräber die Beine ab. Die kleine Frau betrauert ihren Geliebten. Am Dorfplatz von Steinfeld wird der Riese als Puppe in Originalgröße enthüllt. Auf der großen Wiese beginnen Arbeiter damit, Schienen zu verlegen.
„Die Welturaufführung von Friedrich Cerhas und Peter Turrinis Oper 'Der Riese vom Steinfeld' in der Staatsoper war ein gesellschaftliches Ereignis! Das Werk, mit viel Jubel gefeiert, zeigt Cerha erneut als fulminanten Könner mit feinem Geschmack!“
Karlheinz Roschitz, Neue Kronenzeitung, 17. Juni 2002
„[Cerha] erweist er sich als Meister der Charakterisierung, der die einzelnen Mosaiksteine mit seinem Leittechnik-Verfahren in einen großen Bogen spannt. Klangfarben spielen dabei neben bevorzugten Intervallfolgen und rhythmischen Elementen eine wichtige Rolle. Sie kommen glänzend zur Geltung, weil Cerha das Orchester häufig geradezu kammermusikalisch einsetzt und damit auch ein hohes Maß an Textverständlichkeit ermöglicht.“
Ernst Naredi-Rainer, Kleine Zeitung, 17. Juni 2002
„Etwas Außerordentliches ist dem Komponisten Friedrich Cerha da gelungen: mit einer Partitur, deren Kompliziertheit die Sänger während der Proben in die Verzweiflung trieb, das Äußerste an Expressivität und Schönheit … zu erzeugen. Das Ergebnis ist ein bedeutendes Stück musikalischer Spätromantik, dessen Traurigkeit ans Herz greift …“
Heinz Sichrovsky, NEWS, 25/02