Hans Rothe

Autor, Übersetzer

(* 1894 in Meißen | † 1977 in Florenz)

„Es ist das große Recht des toten Klassikers, wieder als Zeitgenosse lästig zu werden.“ (Hans Rothe)

1916 begann Hans Rothe im Alter von 20 Jahren mit einer neuen Übersetzung von Shakespeares „Macbeth“, ausgelöst durch eine Lektüre der Tieck-Fassung, die bis dato das Bild von Shakespeare im deutschsprachigen Raum geprägt hatte. „Ich kannte das Stück aus dem Englischen und war erstaunt, entsetzt, in dieser deutschen Fassung ein ganz anders geartetes Stück zu finden als mir Shakespeare geschrieben zu haben schien.“ Rothe begann daraufhin – in einem Zeitraum von rund 50 Jahren – sämtliche Stücke Shakespeares neu zu übersetzen. Er war der Auffassung, dass man Shakespeare „auf elisabethanische Weise“ übersetzen, das Rohe und Widersprüchliche herausarbeiten müsse, das in den Schlegel/Tieck-Übersetzungen weitgehend eingeebnet worden sei. Rothe setzte sich auch wissenschaftlich mit Shakespeare und dem Elisabethanischen Theater auseinander („Der Kampf um Shakespeare“, „Shakespeare als Provokation“), war darüber hinaus als Roman-Schriftsteller tätig, sowie als Dramaturg bei Max Reinhardt und als Chefdramaturg der UFA.

Rothes Übersetzungen hatten eine immensen Einfluss auf die Shakespeare-Rezeption im deutschsprachigen Raum und sorgten für einen regelrechten Shakespeare-Boom in den 1920er-Jahren. Doch von rechtskonservativen Kreisen wurde Rothe massiv angegriffen. Der deutschnationalen Shakespeare-Gesellschaft gelang es Mitte der 1930er-Jahre schließlich Joseph Goebbels zu einem Verbot der Rothe-Übersetzungen zu bewegen. Rothe emigrierte 1936 aus Deutschland, 1947 immigrierte er in die USA, wo er eine Anstellung als Professor für Theater erhielt. 1954 kehrte er nach Europa zurück.

Seine Shakespeare-Übersetzungen wurden ab den 50er-Jahren wieder aufgeführt, konservative Kreise versuchten jedoch weiterhin gegen Rothe vorzugehen – der Schriftsteller Rudolf Frank spricht von einer seit den 30er-Jahren andauernder „Hexenjagd“. So rügte beispielswiese 1960 die Bayerische Akademie der Schönen Künste eine Aufführung seiner Übersetzung der „Komödie der Irrungen“ als „einen ernstlichen Verstoß gegen die guten Sitten sowie [ ] eine Irreführung des Publikums, wenn hier ein nur mehr von Shakespeares Stoff-Behandlung profitierendes, in Gehalt, Sprache, Figurierung ihm absichtsvoll entfremdetes Unterhaltungsstück gleichwohl unter seinem Namen, läuft“.

Hans Rothe gilt bis heute als eine der wichtigsten und meist-diskutierten Shakespearekenner und -übersetzer ins Deutsche.
Foto: © Thomas Sessler Verlag